Nur in der Schweiz ist es bis heute rechtlich möglich, beim Händler des Vertrauens losen Tabak zu erstehen. Der Rest des europäischen Raums hat sich längst daran gewöhnt, seine Kräuter in Pouches oder Dosen verpackt vorzufinden.

Für den „Tobaktrinker“, der aber zum Ende des 16.Jahrhunderts der neuen Leidenschaft frönte und sein Lieblingskraut beim Krämer oder gar Apotheker erstand, ergab sich ein Problem. Daheim, in der guten Stube, füllte er die erworbene Kostbarkeit in Steingut-oder Tontöpfe um, gern reich bemalt und verziert-ein Schmuck für das Heim. Was aber nun, wenn er auswärts zu rauchen gedachte? Den Tabak in ein Tuch füllen, verschnüren und als Säckchen mit sich tragen? Wie stillos!

Da Pfeifen und Tabak, aufgrund ihres hohen Preises, zunächst der besseren Gesellschaft vorbehalten waren, galt es, eine standesgemäße Unterbringung für die Utensilien zu finden. Auf Reisen und beim Stammtisch wollte man sich schließlich keine Blöße geben.
Verschiedene holländische Kunstschmiede witterten da eine Geschäftsidee. Sie fertigten Dosen aus Messing und Kupfer, rund, eckig oder oval, versahen sie in Handarbeit mit ländlichen oder biblischen Szenen und boten sie erfolgreich der solventen Kundschaft an. Es gab sogar Sonderformen, die es erlaubten, zusätzlich zum Tabak noch eine kleine Tonpfeife geschützt unterzubringen. Die einfacheren Ausführungen dieser Dosen waren vor allem auch bei den Seeleuten sehr gefragt.
Anfang des 18. Jahrhunderts schuf Pieter Holm aus Amsterdam für eben diese Seefahrer ein ganz besonderes Exemplar mit einem ewigen Kalender auf dem Deckel, einem sogenannten Almanach. Diese Dosen wurden ein regelrechter Verkaufsschlager. Die optimale Form der Dose für diese Zwecke war länglich oval. Diese Form setzte sich in der Folgezeit dann auch generell durch.

Ortswechsel. Im, seit 1666 zu Brandenburg-Preußen gehörenden Iserlohn wurden schon seit langer Zeit Gegenstände und Beschläge aus Messing gefertigt. Im Umkreis der Stadt gab es größere Erzvorkommen, unter denen sich auch Galmei (Zinkspat) fand, den man zur Herstellung von Messing benötigt. Zunächst beschäftigten sich damit nur einzelne Handwerker, 1736 gründeten wohlhabende Iserlohner Bürger dann aber die „Messinggewerkschaft“, die ab 1751 mit der hüttenmäßigen Herstellung von Messing begann. Natürlich blieb den Handwerkern auch der Erfolg der Tabaksdosen nicht verborgen. Einzelne Dosen fanden dann auch Abnehmer in den höheren Kreisen, da ihre Preise die Vorstellungskraft des normalen Bürgers deutlich überstiegen.

Kein Wunder, denn die Herstellung war enorm zeitaufwendig und erforderte großes Geschick.
Das diese Iserlohner Tabakdosen aber nur teure Einzelstücke für Betuchte sein sollten, war Johann Heinrich Giese ein Dorn im Auge. Er entwickelte eine Technik, die größere Produktionsmengen und geringere Preise ermöglichte.
Zunächst übertrug er eine Handzeichnung oder einen Kupferstich mittels Stichel auf eine Prägewalze.
Unter dieser, nun mit einem Präge-Negativ versehenen Walze wurde dann ein längerer Messingstreifen durchgeführt. Bei jeder Walzendrehung prägte sich so das Motiv ins Messing. Der erste Schritt zur rationellen Massenfertigung war gemacht.

Als das Staatsoberhaupt, Friedrich der II., selbst großer Freund des Tabaks und der Pfeife, davon Kenntnis bekam, erteilte er Johann Heinrich Giese dafür ein Herstellungsmonopol. Giese prägte als erster Iserlohner Tabakdosenmacher seine Arbeiten mit seinem Namen und die Geschäfte florierten.
Sie gingen aber so gut, dass Giese als Einzelhersteller nicht mehr ausreichte. Mit dem Segen Friedrichs kamen die Meister Hamer, Keppelmann, Becker und Lohmann dazu. Gieses Arbeiten gelten aber bis heute als die feinsten und besten Tabakdosen dieser Zeit.
Das Interesse Friedrichs des Großen an diesem Handwerkszweig kam aber nicht von ungefähr. Er war schlau, der „alte Fritz“. Er wusste, dass der gesamte, westfälische Bereich „friederizianisch“ war. Gerade Friedrichs große Erfolge in den schlesischen Kriegen sorgten für seine enorme Popularität. Was er aber auch wusste, drückte er einmal in einem Gespräch aus:“Ein Volk ohne seinen König ist immer noch ein Volk. Ein König aber, ohne sein Volk, ist nichts!“


So unterstütze er Giese und seine Kollegen gern. Diese waren nämlich glühende Verehrer seiner Regentschaft und setzten ihm in vielen Prägemotiven auf ihren Dosen ein Denkmal. Ja, es gab auch Landschaften oder Dosen mit Städtemotiven, die Mehrzahl aber zeigte Friedrich den Großen bei seinen größten Triumphen. Da die Tabakdosen immer erschwinglicher wurden, fanden sie natürlich auch den Weg ins „gemeine Volk“ und rühmten so in breiten Kreisen Friedrichs Heldentaten. Irgendwie war Friedrich der Große wohl auch der erste PR-Spezialist!
Auf einer Dose des Kunstschmieds Keppelmann ist zu lesen:
FRIEDRRICH MUSZ DOCH FRIEDERRICH BLEIBEN
WEN DENSELBEN ZU VERTREIBEN/
SICH DIE GANZE WELT BESTREBET/
ZITTERT FEINDE TRINCKET FREUNDE/
FRIEDERRICH LEBET
FRIEDERRICH SETZ DEN HUT AUFS OHR/
BLEIBET KÖNIG WIE ZUVOR
Solchen Lobgesang unterstützt man als König doch gern. Doch auch andere Motive sind bis heute bekannt und bei Sammlern gesucht. Jagd, Seefahrt, Handel und viele holländische Motive mit niederländischer Inschrift sind zu finden, da die Iserlohner Dosen gerade auch in Holland sehr gefragt waren.

Ein Ende der großen Tabakdosenzeit zeichnete sich in Iserlohn um das Jahr 1775 ab. Das Weißblech war auf dem Vormarsch, der Geschmack der Raucher änderte sich hin zu farbiger Bemalung und zur Bedruckung. Die wichtigste Produktionsstätte dafür war die Firma Stobwasser in Braunschweig. Später kamen in der Biedermeierzeit noch die Tabaksbeutel dazu und in Mode. Ihre Zierde waren bunte Perlenstickereien. So ändert sich der Zeitgeschmack.
1777 fertigte Johann Heinrich Becker die letzte bekannte Iserlohner Tabakdose aus Messing.
In Iserlohn gingen deshalb aber keineswegs die Lichter aus. Man fertigte weiterhin alle möglichen Messinggegenstände und auch die Pfeife blieb Thema. Mit Aufkommen der Gesteckpfeifen wurden Beschläge und Deckel für diese Modelle in Iserlohn gefertigt, ferner auch Stopfer, Halter und Aschenbecher etc.

Erhalten sind bis heute etwa eintausend originale Iserlohner Tabakdosen. Meist befinden sie sich in Sammlerhand, falls aber mal ein Exemplar zur Versteigerung kommt, erzielt es nicht selten Preise um etwa 2000 Euro. 1980 kam die Iserlohner Firma Christophery GmbH auf die Idee, eine Kleinserie von Repliken dieser Dosen aufzulegen. Sie waren vergriffen, kaum, dass sie am Markt erhältlich waren.
Interessenten gäbe es, davon bin ich überzeugt, auch im Jahr 2024 noch genug.
