DER ALTE HAUDEGEN

Er sitzt im knarzigen Lehnstuhl, blättert in alten Reviews, lässt sein langes Leben Revue passieren und wundert sich, was man alles schon über ihn gesagt hat. Ja, er ist immer noch der Alte geblieben- wie er so da sitzt. Der Anzug in tiefdunklem Rot, dass weisse Hemd, moosgrün bedruckt, mit seinen Besonderheiten. Das er berühmt sei, steht da, dass er besonders hergestellt ist…ja und sein Name : Germains Mixture No.7.

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Er sitzt dort, blättert und liest. Liest, dass er nicht mehr der Charakterkopf von früher sei…also, von ganz früher. Er erinnert sich an seine Jugendjahre im Germains-Elternhaus auf der Insel Jersey. Sie waren viele Kinder, daheim. Er entschloss sich dazu, eine Mixture zu werden und siedelte irgendwann nach Deutschland um, nach Berlin, um genau zu sein. Große Pläne hatte man mit ihm. Das Image der britischen Kanalinsel, im Zusammenhang mit deutschem Know-How sollten aus ihm einen Weltstar machen. Nein, das hat nicht funktioniert, lag aber nicht an ihm. Man kämmte und schminkte ihn, versah seinen Anzug mit exakter Bügelfalte und polierte seine Medaillen. Man zähmte ihn und vereinfachte seine Umgangsformen. Die Amerikaner mochten ihn nie. Das Netteste, was man ihm dort sagte, war, dass er der Scottish Mixture von Mac Baren ähnlich sei- nur ohne Biss. Ja, er sei zwar mild, würde aber schnell heiß und sein Aroma erinnere an billigen Rotwein und Omas Parfüm. Letztlich sind seine Flake-Geschwister wohl dort immer noch angesehener…und nicht nur dort. Weil sie echter seien, authentischer, sagt man…und weil sie nie ihre Heimat verlassen hätten.

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Das macht ihn schon traurig. Schliesslich hat er die Änderungen aufgezwungen bekommen. Er sollte halt ein Seller werden, den Massen gefallen. In Deutschland klappte das ganz gut, er erinnert sich gern an die wunderbaren Tage, wo er der Star des deutschen Marktes war. Weil er eben auch dem Tabakgeschmack eine Chance ließ, durch milde Beigabe von Wein und Gewürzen und durch den Hauch Schokolade seiner guten Burleys sowohl dem Liebhaber süsserer Tabake, als auch dem Freund des Tabakaromas zusagte. Weil er mild blieb, mit nur wenig Nikotin belastete und weil die Damen ihn mochten, seines guten Dufts wegen. Ach, das war schön. In so vielen Pfeifen zu sein, als „mild, wie das Klima auf Jersey“ bezeichnet  und von beinahe jedermann erkannt zu werden. Ein wenig noch hübschte man ihn auf, mit der Zeit. Nicht nötig, eher störend- aber, dem Zeitgeist gehorchend.

Doch, wie Menschen so sind. Es kamen andere, neuere Tabake, die Neugier trieb seine Freunde in Scharen fort. Nur wenige kamen wieder. Er schüttelt den Kopf, nein, seine Schuld ist es nicht. Seit damals ist er derselbe geblieben, hat sich nicht mehr angepasst- ist einfach er. Mit seinen Stärken, seinen kleinen Schwächen…und inzwischen sehr grauen Schläfen. Mit seinem Mix aus Virginia, Burley und einem Hauch Black Cavendish, seinem, weinigen, schokoladigen und gewürzten Aroma. Ein bisschen Jersey riecht man noch immer, wenn man ihn aufschraubt…und mancher Pfeifenfreund, ob jung oder alt, lächelt dann ! Dann geht ihm das Herz auf, unserem alten, knorrigen Number Seven…und er freut sich, noch nicht ganz vergessen zu sein.

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