DIE LAKELAND-STORY oder Kann man Seife rauchen ?

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Die englischen Lakelands. Von diesem wundervollen Flecken kommen ganz besondere Kräuter !

 

Kaum eine Tabakart teilt die Pfeifenraucher so klar in zwei Lager, mit solch`tiefem Abgrund dazwischen, wie die „Lakelander“. Wobei schon dieser, sich als gebräuchlich eingebürgerte  Begriff zu Missverständnissen führt. Doch, dazu komme ich später.

Wieso überhaupt Lakelands ? Woher kommen die Tabake genau und sind es nicht eigentlich auch englische Mischungen ? Wer hat sie erfunden und warum ist die Form der Aromatisierung bei vielen, dieser Tabake so anders ?

Als Wiege dieser Tabake gilt die Stadt Kendal. Einst war sie die größte Stadt der Grafschaft Westmorland, seit 1974 ist die Grafschaft Teil des seinerzeit neu gebildeten Cumbria-District und der südliche Zugang zu den Lakelands, einem riesigen Naturpark mit kleinen Dörfern und großen Seen.

Im Mittelalter gelangte Kendal schon einmal zu Berühmtheit, weil dort der hochwertige „Kendal Green“ produziert wurde. Ein dicker, wertiger Wollstoff, den die Bogenschützen der Armee besonders bevorzugten. Die zweite Bekanntwerdung  des Ortes geht zurück auf das Jahr 1792.

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Der berühmte „Kendal Brown Snuff“

Zu dem Zeitpunkt gründete Thomas Harrison dort eine Schnupftabak-Mühle , die sehr erfolgreich wurde und seiner Familie ein gutes Auskommen bescherte. 1838 lernte Harrisons Tochter einen jungen Mann aus Kendal kennen und lieben. Die beiden heirateten. Der Name des Bräutigams war Samuel Gawith. Schon drei Jahre später verstarb der alte Mr. Harrison und hinterließ seiner Tochter und seinem Schwiegersohn die Schnupftabak-Fabrikation.

Die Firma lief gut, doch auch Samuel Gawith senior war leider kein langes Leben mehr beschieden. Er starb mit 48 Jahren, im Jahr 1865.

Da sein ältester Sohn, Samuel junior, zu diesem Zeitpunkt erst 22 Jahre alt war, wurde das Erbe treuhänderisch verwaltet. Samuel war einer der Treuhänder und sollte auf diesem Weg auch für das Wohl seines jüngeren Bruders John Edward sorgen. Ebenfalls Treuhänder war ein alter Freund der Familie, Henry Hoggarth, der in Kendal ein Landvermessungsbüro betrieb.

Bis 1878 lief alles gut. Man fertigte gemeinsam Rauch-und Schnupftabake, die sich eines erstklassigen Rufes erfreuten und die Geschäfte nährten ihre Familien. Dann aber kam es zur Trennung der Brüder. Warum, wurde nie ganz geklärt. Es gab das Gerücht, dass sich einer der Brüder zu gut mit seiner Schwägerin verstand…bestätigt wurde das aber nie. Nun, man trennte sich aber in Frieden und Freundschaft.

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Zeitgenössisches Bild der Gawith, Hoggarth and Cie. Fabrik

Samuel übernahm die Schnupftabakmühle und die Gebäude in Mealbank. Die Samuel Gawith and Company entwickelte sich prächtig, so, dass man 1881 eine neue Fabrik in der Nähe von Canal Head bauen konnte. Man nannte sie, zu Ehren des erfolgreichsten Schnupftabak des Hauses, Kendal Brown House.

Bei John Edward in der Lowther Street lief es nicht ganz so gut und eher unruhig. 1887 aber gründete der jüngste Gawith, William Henry, gemeinsam mit Henry Hoggarth junior die Gawith, Hoggarth and Company. Diesem Unternehmen war mehr Erfolg beschieden und schon recht bald errichtete die Firma eine neue Mühle zur Schnupftabak-Produktion in Helsington Laithes, südlich von Kendal. Diese Mühle existiert aber heute nicht mehr. Bis 2009 produzierte die Gawith Hoggarth Company aber Tabake im Gebäude an der Lowther Street. Dann zog man in ein neues Gebäude um.

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Tabakproduktion in Kendal, 1926

Unter diesem Dach fanden dann 2015 die beiden Unternehmen Samuel Gawith und Gawith Hoggarth wieder zusammen, der Kreis schloss sich. Vornehmlich soll es um höheren Platzbedarf gegangen sein. Die Belegschaft und der Maschinenpark sind nun bei beiden Marken gleich, nur, dass die jeweiligen Tabake in unterschiedlichen Gebäudeteilen gemacht werden. Die Zusage, dass sich auch an den traditionellen Rezepten nichts ändern würde, können viele Fans der Lakeland-Tabake  so nicht bestätigen. Einige Sorten haben sich seit des Zusammenschlusses nicht unbedingt zu ihrem Vorteil verändert…das kann aber nur individuell festgestellt und nicht objektiv belegt werden.

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Aus einer Zeit, in der die Tabakdosen genauso kunstvoll waren, wie ihr Inhalt.

 

Was sind das nun für Tabake, die diese beiden Traditionsfirmen herstellen und zu denen man auch noch nicht in den Lakelands hergestellte Tabake, wie den St.Bruno (im Original)und den Condor zählen muss.

Versuchen wir es zunächst sachlich:

Verwendung finden alle Arten von Virginia, von goldgelb bis beinahe schwarz. Besondere Trocknungs- und Behandlungsarten sorgen dafür, dass die Virginias in ihrer Stärke sehr variieren. Dazu werden vornehmlich Burleys und Kentuckys gemischt, um eine bestimmte Tiefe zu erreichen.

Es finden sich alkoholische Aromen, wie Rum und Whisky. Ebenfalls häufige Verwendung findet die Tonka-Bohne, deren enthaltenes Cumarin für geschmackliche Abrundung sorgt. Bislang also noch keine auffälligen Ingredienzien, diese Standards findet man andernorts auch.

Dort findet man auch noch Vanille, doch viele Lakeland-Tabake zeichnet zusätzlich die Beimischung von Lakritze, Ahorn, Rosengeranie, Moschus, Piperonal (Vanille-Mandel-Mischung) und Rosenaroma aus. Diese Zusätze verursachen das oft als „seifig“ bezeichnete, spezielle Aroma, dass ( je nach Empfindung) auch als „Kölnisch Wasser“ oder „Rasierwasser“ empfunden wird.

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Wohlgemerkt gilt das aber nicht für ALLE Lakeland-Tabake. Ein „Samuel Gawith 1792“ ist auch ein reinrassiger Lakelander, seine gehaltvollen Virginias werden aber nur mit einem guten Schuss Tonka-Bohne, der zusätzlichen Tiefe wegen, ergänzt. Von „Rasierwasser“ kann hier keine Rede sein. Der allgemeine Sprachgebrauch beinhaltet hier eine Tücke. Wenn von „Lakeland“ die Rede ist, riechen und schmecken alle sofort Rosen und Geranien. Diese Aromatisierung betrifft aber nur spezielle Tabake im Angebot und keinesfalls alle Lakeland-Mischungen.

Wer es richtig blumig möchte, sollte z.B. zu solchen Berühmtheiten, wie „Ennerdale“, „Grasmere“ ,“Kendal-Flake“ oder „Grousemoor Plug“ greifen.

Man liebt sie oder man hasst sie. Dazwischen gibt es nichts. Ein amerikanischer Pfeifenfreund stellte einmal fest, dass 1790 der Klostein erfunden wurde, 1792 die Lakeland-Tabake und das es da einen ursächlichen Zusammenhang gäbe.

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Der berühmte Ennerdale, für viele DER Lakelander !

Was hat aber nun die Tabakproduzenten der Lakelands dazu gebracht, solch`abenteuerliche Aromatisierungen zu entwickeln ? Es gibt verschiedene Theorien.

Bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts war die Aromatisierung mit üblichen Stoffen in England schlicht verboten. Gewisse Alkoholika und florale Aromen waren von diesem Verbot aber ausgenommen. Das könnte eine Erklärung sein. Außerdem weisen Nahrungsmittel-Historiker darauf hin, das zur Wende zum 19.Jahrhundert in England Süßigkeiten populär waren, die sehr ähnliche oder gleiche Aromatisierungen aufwiesen.

Eine zusätzliche Erklärung könnte der Bezug der Engländer zur indischen Küche und ihrer Würzmethoden sein. Seit 1771 Warren Hastings Gouverneur von Bengalen wurde, hat es die indische Küche nach und nach geschafft, in England sehr populär zu werden. Englische Raucher stellen oft Vergleiche zwischen Lakeland-Tabaken und indischen Süßspeisen an. Da uns diese Leckereien weitgehend unbekannt sind, reagieren wir darauf eher befremdet.

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KEIN KOMMENTAR !

 

Wie dem auch sei. Einem bislang von Lakelandern unberührten Raucher erklären zu wollen, wie Lakeland-Aromaten schmecken, ist schwierig. Sie zu probieren, ist jedenfalls ein einschneidendes Erlebnis in jeder Pfeifenraucher-Karriere. Entweder, man ist, wie ich, dem Aroma des Ennerdale ( meine erste Berührung mit diesen Tabaken) nach zwei Zügen erlegen oder man leert und reinigt seine Pfeife sofort und kommentarlos- allenfalls begleitet von entgleisten Gesichtszügen.

Erstaunlich finde ich, dass sich diese Tabake einer wachsenden Beliebtheit erfreuen…und das gilt nicht nur für die Lakeland-Aromaten der beiden großen, oben genannten Hersteller, auch die in Deutschland, bei H.U. und DTM hergestellten Tabake vom Schlage eines „Great Dixter“ oder „Little Wren“ müssen dazu gezählt werden.

Entscheiden Sie selbst, ich bin in dieser Frage befangen und werde mir jetzt erst einmal eine Füllung Ennerdale gönnen- auf die Lakelands !

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Gawith, Hoggarth in Kendal

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