MURRAY SONS & COMPANY- Eine Tabakfabrik die Geschichte schrieb

Wir schrieben das Jahr 1810, als die Brüder George und John Murray im Hafenviertel von Belfast ein kleines Lebensmittelgeschäft eröffneten. Da auch viele Matrosen zu den Kunden gehörten, mauserte sich der, dort ebenfalls vertriebene Tabak alsbald zum Renner. So sehr, dass die Brüder beschlossen, fortan ausschliesslich auf Tabake und deren Herstellung zu setzen- auch das freilich zunächst in kleinem Rahmen, aber mit ständig zunehmendem Erfolg.

Das Unternehmen wuchs und setzte 1862 einen Meilenstein für die Zukunft. Mit der „Murrays Mellow Smoking Mixture“ produzierte das Unternehmen den ersten, verpackten Markentabak aus Irland. Eine Mixtur, die 143 Jahre lang in Produktion bleiben sollte, wenn auch gelegentlich dem wechselnden Zeitgeschmack angeglichen. Die Zeiten waren gut, das Unternehmen florierte und wuchs zusammen mit der aufstrebenden Stadt zu einem unerschütterlichen Fels irischer Wirtschaftsgeschichte. Unerschütterlich ? Oh ja, der kleine, kantige Fabrikbau Whitehall Tobacco Works, der entfernt an eine Trutzburg erinnert, überstand zwei Weltkriege, schwere Wirtschaftskrisen und sogar Bombenanschläge der IRA, bei einem davon gingen 1993 alle 170 Fenster zu Bruch, doch, zum Glück wurde niemand verletzt und man verlor nur zwei Produktionsstunden. Doch, soweit sind wir noch nicht. Befassen wir uns zunächst mit der Mitte der zwanziger Jahre, als Murrays berühmtestes Kind geboren wurde: der ERINMORE !

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Um diese Zeit befasste sich unter anderem das Chemiker-Mastermind „Daddy“ Burns mit der Rezeptur des Tabaks, der Murrays moderne Zeiten einläuten und stützen sollte. Die ERINMORE Mixture und der ERINMORE Flake wurden und blieben die Meisterstücke der Firma. Im Laufe der Jahrzehnte wurden beide Versionen in 45 Länder der Erde exportiert. Für die Produktion des ERINMORE Flake wurde eine, heute kaum noch vorstellbare Menge an schwersten, gußeisernen Pressen angeschafft, die auf dem folgenden Bild zum Teil zu erkennen sind. Es entstand beim Besuch des PIPE-Magazins, im Januar 1995 und zeigt den damaligen Geschäftsführer Brian Mallen vor der Phalanx der Pressen.

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Im Laufe der Jahrzehnte wurden aber auch andere, bekannte Tabake vom Hause Murray kreiert, so z.B. der, Flakefans noch in guter Erinnerung befindliche „Yachtsman“ oder der, bis heute beliebte „Indian Summer“. Nicht zuletzt wurden hier über viele Jahre auch die geschätzten „Dunhill“-Tabake gemischt und abgefüllt. Die Rezeptur des ERINMORE war übrigens in jeder Generation nur dem jeweiligen Geschäftsführer bekannt. Nur er wusste, was wirklich in die Tabake kam, die produzierenden Mitarbeiter kannten alle Ingredienzien nur unter Tarnnamen. Die ausgeklügelte Rezeptur und die Fähigkeit der jeweiligen Mischmeister sicherte Murray Sons & Company über Jahrzehnte die Beliebtheit eines, der bis heute meistverkauften Tabake der Welt. Dies hier ist übrigens der letzte Mischmeister des Unternehmens, Geoff Maddin, der bis zum Ende, im Januar 2005 das Zepter in der Hand hielt.

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Der Niedergang des Unternehmens begann eigentlich schon im Jahr 1953. Damals veräusserte der Besitzer Cunningham seine Anteile an die Firma Carreras Tobaccos, die wiederum ihre Anteile 1958 an Rothmanns verkaufte. Nun war Murray ein kleiner Spielstein im großen Tabak-Monopoly der Weltkonzerne geworden. Teil einer Welt, in der Tradition und ähnliche Werte keinerlei Rolle spielten und spielen und nur maximaler Gewinn im Vordergrund steht. Ab Mitte der neunziger Jahre wurde der Pfeifenmarkt zunehmend schwieriger, die Anti-Raucher-Kampagnen begannen zu greifen und Murrays büßte pro Jahr etwa sieben Prozent Gewinn ein, bei einer Kostensteigerung von zehn Prozent. Das Ende war absehbar. 1999 übernahm die B.A.T. die Rothmann-Anteile und setzte Murray auf die rote Liste. Schon im Jahr 2004 wurde die Liquidierung verkündet und im Januar 2005 schlossen sich die Tore bei Murray Sons & Company für immer. Den seinerzeit noch 66 Mitarbeitern blieb nur der Weg in die Arbeitslosigkeit eines, inzwischen wirtschaftlich stark gebeutelten Landes.

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…und der ERINMORE ? Ihm blieb nur der Umzug ins dänische Königreich. Da die STG die Pfeifentabak-Sparte von der B.A.T. übernahm, wurde der ERINMORE fortan bei der STG-Tochter Orlik in Dänemark produziert. Die Fans der Tabake stellten im ersten Jahr erfreut fest, dass der Wechsel der Qualität keinen Abbruch getan hatte. Das aber lag daran, dass Orlik 2006 noch die Produktionsreserven von Murrays verpackte. Im ersten, rein dänischen Jahr schieden sich die Geister- und sie haben bis heute nicht wieder zusammen gefunden. Die wahren Fans trauern verträumt dem alten, intensiven Aroma nach und finden die „moderne“ Fassung der Tabake einfach blass und recht kraftlos. Böse Zungen behaupten, dass das alte Aroma nur dadurch entstand, dass man bei Murray die Tabake geradezu in der Soße (er)tränkte und freuen sich über den neuen, deutlich dezenteren Auftritt.

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Mich begleitet vor allem der ERINMORE-Flake inzwischen durch 35 Pfeifenraucherjahre. Natürlich bleibe ich ihm treu, bleibt er ein Teil meines Pfeifenlebens. Doch, wenn ich könnte, würde ich gern die Zeit ein wenig zurückdrehen. Wenigstens ins Jahr 1995, in dem Christopher Hill die großartigen Fotos der damaligen Haupt-Protagonisten machte. In die Zeit, als der ERINMORE noch nach sich selbst schmeckte, die Zeit, in der auch die Tabakwelt noch ein wenig heiler war.

 

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