Der deutsche Aromat – Wie eine neue Spezies entstand

Schon seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab und gibt es eine Einteilung in Tabakrichtungen, mit der die gesamte Pfeifenwelt scheinbar gut zurecht kam und kommt.

Man unterschied in englische, dänische, amerikanische und holländische Tabake. Von der englischen und dänischen Richtung war ja an dieser Stelle schon ausführlicher die Rede. Amerikanische Mischungen werden (da nicht mehr sehr häufig) auf dem hiesigen Markt inzwischen gern eingemeindet. Dazu aber später mehr. Tja…und die holländischen Mischungen drohen, mit der älteren Generation der Pfeifenraucher, auszusterben. Noch in den sechziger und siebziger Jahren recht populär, verschwanden nach und nach die größeren Anbieter und die vornehmlich naturnahen Mischungen mit einem ordentlichen Java-Anteil wurden zu Exoten. Gäbe es eine rote Liste für Pfeifentabake, ein „Voroogst“ oder „Amsterdamer“ stünden sicherlich dort verzeichnet.

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War diese, ursprüngliche Einteilung schon recht grob und kaum in der Lage, „Grenzgänger“ zwischen den Richtungen zu erfassen, findet heute eine, noch gröbere Einteilung statt, die doch einige Dinge verzerrt und verfälscht. Eigentlich wird nur noch von „naturnah“ und „aromatisiert“ gesprochen. Man sagt „dänische Richtung“ und meint alle Tabake von minimaler Aromatisierung bis zum Hocharomaten. Man sagt „englische Richtung“ und setzt beinahe automatisch Latakia-Gehalt voraus. Alle Tabake, die da nicht hinein passen, werden irgendwie bezeichnet oder man versucht, sie in Schubladen zu pressen, in die sie einfach nicht hinein gehören. So landet z.B. ein Rum and Maple ( inzwischen R.+M. bezeichnet) im dänischen Schrank- ist ja Aroma drin !

Da gehört er aber nicht hin.

Verstehen wir uns recht. Es soll hier nicht darum gehen, buchhalterische Tendenzen auszuleben. Es ist einfach so, dass auch unterschiedliche Tabak-Grundmischungen den Geschmack einer Melange prägen. Der R.+M. ist ein Tabak amerikanischen Stils, sein Hauptanteil ist aromatisierter Burley, dazu etwas Virginia und Black Cavendish. Das schmeckt naturgemäß ganz anders, als wenn ich die gleiche Saucierung auf eine dänische Grundmischung auftragen würde, die in der Hauptsache aus Virginia, Black Cavendish und etwas Burley besteht. Das zu wissen und unterscheiden zu können, ist für jeden Pfeifenfreund wichtig, der auf der Suche nach „seiner Tabakrichtung“ ist, will sie oder er wirklich den optimalen Genuss finden.

Vornehmlich die deutsche oder die, für den deutschen Markt produzierende Industrie macht es sich bisweilen ein wenig zu einfach. Gut, die „Prosa“ auf Tabakverpackungen oder in –werbungen war nie besonders aufschlussreich, so aussagearm wie heute war sie aber nie. Eine rühmliche Ausnahme stellen hierzulande die sogenannten „Micro-Blender“ dar. Bei ihnen findet man noch ausführliche Beschreibungen, Charakter und Richtung der Tabake betreffend.

Doch auch sie haben eine Grundrichtung nicht im Sprachschatz, die es längst geben müsste: „die deutsche Richtung“. Was ist gemeint und wie kam es dazu ?

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Zu Beginn der fünfziger Jahre erschien der „Terry-Report“. Eine wissenschaftliche Arbeit, die in recht drastischer Art und Weise die Schadstoffe in Zigaretten beschrieb und sowohl in den USA, als wenig später auch hier, hohe Wellen schlug. Das war die Sternstunde der Filterzigarette. Bislang wegen des hohen Preises und der scheinbaren Entfremdung vom „Naturprodukt“ Tabak gemieden, wurde der Filter quasi über Nacht zur Rettung der Tabakindustrie. Man pries das Zellullosestück als den Heilsbringer, den Befreier von den schädlichen Stoffen, als das Wundermittel, was das Rauchen wieder „gesund und bekömmlich“ macht. Die Raucher, die schließlich nicht auf ihre Glimmstengel verzichten wollten, glaubten die Geschichten um das Wunder nur zu gern. Der Filter war plötzlich ein Muss, unverzichtbar für alle, die verantwortungsvoll genießen wollten ! Warum ich so viel über Zigaretten schreibe ? Gemach, das erklärt sich gleich.

Mitte der sechziger Jahre war die Pfeifenwelt in Deutschland noch in Ordnung. Ungleich populärer als heute, standen Pfeife und Tabak für ordentliche Umsätze. Sorge bereitete der Industrie und dem Handel aber das Image. Pfeife galt als eher konservativ, mittelalt bis alt und verstaubt traditionell. Wie also, fragte man sich, könne man an junge Käuferschichten gelangen, wie die Pfeife modernisieren, „in“ machen. Die Jugend rauchte Zigaretten und zwar ( siehe oben) Filterzigaretten- um „gesund“ zu bleiben…und nicht nur das. Plötzlich war eine Abwanderung von Pfeifenrauchern, die bislang häufig ohne Filter rauchten, zur Filterzigarette feststellbar. Gut, Vauen hatte seinerzeit die Nase mit dem „Dr. Perl Gesundheitsfilter“ und den passenden Pfeifen weit vorne, alle Abwanderer konnte man aber damit auch nicht halten und die übrige Industrie wollte auch ihr Stück vom Kuchen. Plötzlich schoss das Angebot an Filterpfeifen förmlich aus dem Boden. Da Vauen lange und gute Erfahrungen mit seinen Filtern aufweisen konnte, war das Maß schnell gefunden- 9mm !

 

Wie es zu dem Namen kam, ist bis heute nicht ganz klar, messen die Filterpratonen doch nur zwischen 8,5 und 8,7 mm…aber, wir wollen ja jetzt keine Haare spalten. Außerdem wird die Geschichte der deutschen Filterpfeife noch ein anderes Mal Thema sein. Zurück zum Tabak. Natürlich wurde die Pfeife nicht allein durch die Filterung für die junge Generation attraktiv, passende Tabake mussten und sollten her. Neue Rezepturen, die so „neu“ nicht waren, erblickten das Licht der Fachhandelswelt. Um 1965 herum präsentierte die altehrwürdige Firma Pöschl zum Beispiel ihre „Exclusiv“-Reihe. Modische Verpackungsformen, hohe Werbeetats und vor allem neue Geschmäcker, Aromatisierungen mit Kirsche, Pflaume, Rum und Sherry sollten locken und neue Käuferschichten erschließen. Andere Anbieter taten es Pöschl gleich, der Markt wuchs rasant. Eigentlich hatte man sich nur der alten, dänischen Tugenden besonnen, nach denen sich Tabake mit dezenten Aromenzusätzen gut verkaufen lassen. Allerdings musste nun der Filter berücksichtigt werden, von dem man feststellte, dass er auf dem Weg der Schadstoffreduzierung auch einiges vom Aroma stahl. Also reagierte man ( ob auf die richtige Weise, darf aus heutiger Sicht bezweifelt werden), in dem man ordentlich die Aromen-Kelle schwang. Hinzu kam, dass mittlerweile die Industrie über ein neues Wunderkraut verfügte. Die Produktionsweise des Black Cavendish ließ plötzlich viel größere Mengen an Aromen-Beimischung zu, als es bislang, bei der Aromatisierung herkömmlicher Tabaksorten, möglich war. Die Traditionalisten verzogen erschrocken das Gesicht, wenn sie solche Mischungen aus ihren ( natürlich traditionell immer noch filterlosen) Pfeifen probierten, doch die neuen, jungen Pfeifenfreunde waren begeistert.

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Die „Alten“ mussten sich trotzdem nicht abwenden. Ihre gewohnten Marken wurden weiter produziert, die verschiedenen Richtungen hielten sich in etwa die Waage. Zur Mitte der siebziger Jahre ging durch diese Ausgeglichenheit allerdings der „IKEA-Ruck“. 1974 eröffnete der erste IKEA in Deutschland und nach und nach zog eine skandinavische Modewelle ein, die  bei der jungen, dynamischen Generation abgefeiert wurde. Das schlug sich sogar in der Raucherwelt nieder. Die dänischen Pfeifenhersteller erzielten brummende Umsätze und die, in der deutschen Tabakwelt bislang so hoch gehaltene, englische Fahne wurde auf den Plakaten rasch durch den Danebrog ersetzt. Die Erfolgsspur war rot weiß und dänische, wie deutsche Firmen überschlugen sich in der Präsentation neuer Rauchkräuter. Wer da nicht plötzlich alles danish, dänisch und danske war !

Zu dieser Zeit wurden einige, der schlimmsten Aroma-Bomben gezündet, die der deutsche Tabakmarkt je erlebt hat und, was die meist unerfahrenen Kunden nicht wussten und den Herstellern egal war : man hatte sich meilenweit vom ursprünglichen, dänischen Grundkonzept entfernt.

Das lautete, Tabakgeschmack zu ergänzen- nicht, ihn zu entfernen. Ich hatte Glück. Als ich, vom dänischen Hype durchdrungen, 1979 einen Tabakladen betrat, um solch ein angesagtes Kraut zu erstehen, reichte mir der erfahrene Händler ein rötliches Pouch über die Theke. „Larsen`s Carolina Flowers“ stand drauf. Er begegnete meinem fragenden Blick mit den Worten: „Sie wollten doch was in der dänischen Richtung ?!“ Mich erwartete ein großartig milder Virginiageschmack mit fein-süßer Karamellnote. Das schmeckte fein und großzügig bot ich Freunden eine Probe an. Sie versuchten den Tabak und straften ihn mit dem Urteil ab, dass das ja wohl kein richtiger, dänischer Tabak sei. War mir egal, ich blieb ihm treu, auch, als er später in „Virginia Flowers“ umbenannt wurde.

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Gänzliche Zweifel, was nun dänisch sei und was nur so bezeichnet wird, bekam ich, als ich 1981 auf die neuen Packpapier-Dosen von eben dieser Firma Larsen traf. Wir nannten sie so, weil das Etikett aussah, wie aus Packpapier, die Beschriftung, wie handgeschrieben und das alles in Lackdosen aus Metall. Der No.50 Light Sweet, mit Karamell, der Curly-Mix und erst der No.20, Broad Blend. In ihm schmeckte man sogar eine Spur Latakia…in einem DÄNEN ? Ich war völlig durcheinander- aber fasziniert von diesen Tabaken. Damals wusste ich nicht, dass ich, gemeinsam mit ein paar Freunden, der wirklichen, dänischen Richtung verfallen war. Wir paar Mann spalteten uns ab, rauchten fortan Larsen und die erstklassigen Mac Baren-Tabake. „Stockton“, „Golden Blend“, „Plumcake“…was gab es da nicht alles für herrliche Sachen. Mein Händler, der alte Herr Zander, erklärte mir dann ein wenig von der Geschichte der dänischen Richtung und erläuterte auch den Unterschied zu den Tabaken, die in Deutschland Einzug gehalten hatten. Für IHN gab es die deutsche Richtung damals schon.

Einige, der großen Firmen exportierten ihre Tabake bereits seit längerer Zeit. Vieles in die USA. Dort wurden nun auch die Tabake des neuen Stils präsentiert und fanden ebenfalls ihren, wenn auch begrenzten, Freundeskreis. Ungewöhnlich, da Amerikas Pfeifenrauchern der Filter nahezu unbekannt war und ist.

Die hocharomatischen Tabake der deutschen Richtung waren keine Modeerscheinung, wie man gelegentlich orakeln hörte. Sie etablierten sich dauerhaft und entwickelten sich zum festen Bestandteil im Angebot. Die nachfolgende Generation der Pfeifenraucher kannte den Markt ohne Hocharomaten schon gar nicht mehr und akzeptierte, dass ihnen Industrie und Handel Tabake als dänisch verkauften, die es nie waren.

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Seither sind viele Jahre ins Land gegangen. Die deutsche Richtung gibt es immer noch, sogar verstärkt. Sie hat alte Fans behalten, neue Freunde hinzu gewonnen und sie wurde weiter kultiviert. Viele, schlimme Kräuter von damals gibt es nicht mehr. Heute nehmen sich Spezialisten der Mischung von Hocharomaten an. Alle namhaften Anbieter halten ein großes Angebot bereit und erweitern es ständig, nicht zuletzt durch Haustabak-Mischungen für die jeweiligen Händler und durch Spezialitäten zu jeder Jahreszeit. Experten, wie z.B. das Ehepaar Mund, entwerfen immer neue Kompositionen, um den Freunden der deutschen Richtung neue Gaumenreize zu bieten. Das gönne ich den Anhängern dieser Tabake von Herzen. Nur, eines hat sich nicht geändert: sie rauchen keine „Dänen“, keine Tabake , die der dänischen Idee entsprechen. Sie rauchen eindeutig Tabake der deutschen Richtung. Einer Richtung, die sich auch in anderen Ländern einen festen Platz erobert hat, wenn aber auch dort unter falschem Namen. Denn diese Tabake sind, wohlgemerkt, auch keine „Weiterentwicklung“ der dänischen Tabake. Denn, die Tabake dänischer Richtung gibt es nach wie vor und die Fans sind froh darüber, dass diese Tabake genauso bleiben, wie sie sind.

So leben wir, mit unseren geschmacklichen Vorlieben, einträchtig die Leidenschaft zur Pfeife aus. Die Fans der „Engländer“, die Anhänger der „Deutschen“, die kleine Schar der „Amerikanischen“, ein paar Freunde noch der „Holländer“ und nicht zuletzt die „Dänen“, die sich am Angebot von Mac Baren und Co. erfreuen….und einige von uns springen genießerisch und fröhlich zwischen den Richtungen hin und her. Es lebe die Vielfalt.

 

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Diese Unterschiede sind nicht der Statistik wegen wichtig. Sie sind wichtig, damit jeder auch wirklich seine Vorlieben findet, weil er klarer sehen kann…und sie sind wichtig, damit man besser erkennt, dass nicht das Aroma den Charakter einer Mischung ausmacht, sondern zuerst und vor allem die Tabake, die ihr Grundgerüst darstellen. Verkompliziert nicht das Bestehen auf einer, weiteren Grundrichtung das Angebot zusätzlich? Ich denke nicht. Deutschland ist so etwas, wie das Schlaraffenland der Pfeifenraucher. In kaum einem Land der Erde dürfte das Angebot so vielfältig sein, wie hier. Das macht die Auswahl nicht einfacher und gerade dann, wenn man auf der Suche nach „seiner“ Richtung, nach „seinen“ Tabaken ist, wird es nicht einfacher, wenn unter einer Rubrik und derselben Bezeichnung Tabake zusammen gefasst sind, die im Grunde kaum etwas gemeinsam haben.

In diesem Sinne wünsche ich vollen Genuss !

 

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