Der Lebemann,der Kommissar und die Pfeifen !

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Es ist ein sonniger, aber kühler Herbsttag im September 1929.

In einem Cafe, direkt am Hafen von Delfzijl, im nördlichen Holland, sitzt ein Journalist. Er ist Mitte der Zwanzig und hält sich mehr schlecht, als recht mit dem Schreiben von Kurzgeschichten und einfachen Romanen über Wasser. Ja, „über Wasser“ ist ein gutes Stichwort. Seit einem Jahr schon lebt und schreibt er auf seinem Boot, der „Ostrogoth“. Er befuhr zunächst die französischen Kanäle und Flüsse, bis ihn Wind und Neugier entlang der Küste trieben-und nun ist er hier. Er plant den Winter an diesem Ort zu verbringen und blinzelt nun in die Septembersonne, in der Hoffnung auf eine, neue Idee. Langsam entsteht vor seinem, inneren Auge die Figur eines Mannes. Groß, kräftig, in Trenchcoat, mit Hut und Pfeife. Ein Polizist soll er sein…ein Kommissar…und in Paris sollen seine Geschichten spielen.

Der junge Journalist ist George Simenon und die Figur, die gerade in seiner Phantasie entsteht, wird die Welt der Kriminalunterhaltung ebenso prägen, wie die Welt der Pfeifenraucher, die ihn bis heute verehrt. Der Name des Kommissars: Maigret…Jules Maigret !

Noch ahnt Simenon nicht, dass sein Kommissar Maigret der Held in 75 Romanen werden wird, seine Abenteuer und kniffligen Fälle die Vorlage für unzählige Filme und Fernsehserien darstellen werden und sich Weltklasse-Schauspieler engagieren lassen, um diesem Jules Maigret ein Gesicht zu geben.

Was aus heutiger Sicht seltsam anmutet, ist, das Simenon nicht registrierte, daß er Maigret eigentlich schon kannte. Wie die Simenon-Historiker heraus fanden, trat der Pfeife rauchende und ruhige Polizist mit Melone und Trenchcoat bereits vorher in vier Erzählungen und Romanen auf. Werke, die Simenon noch unter seinem Pseudonym, „George Sim“ schrieb.

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George Simenon, Maigrets geistiger Vater

Man sollte aber nicht allzu skeptisch auf diese Tatsache reagieren. George Simenon hielt und hält die Chronisten seiner Werke in ziemlicher Bewegung. Er nahm es mit Daten und Personen nie sehr genau, wie er mehrfach in Gesprächen augenzwinkernd einräumte.

So stirbt Maigrets Assistent Torrence in einem Roman, was Simenon nicht daran hinderte, eben diesen Torrence im nächsten Buch fröhlich auferstehen zu lassen. Letztlich tat und tut das aber der Beliebtheit seiner Figur keinen Abbruch und hinderte den ruhigen Genießer Maigret nicht daran, der populärste Polizist in Paris zu werden.

Dabei war sein geistiger Vater gar kein Franzose. George Simenon wurde am 13.Februar 1903 in Lüttich/ Belgien geboren. Nach der Schule lernte er das Handwerk des Konditors, später sattelte er auf den Beruf des Buchhändlers um, was ihn letztlich auch zum Schreiben brachte. Zunächst waren es Kurzgeschichten und Artikel für kleinere Zeitungen, unter anderem schrieb er als Gerichtsreporter, was ganz nebenbei sein Interesse für Verbrechen und polizeiliche Abläufe weckte. Nach einer Zeit als Sekretär eines Schriftstellers schrieb der leidenschaftliche Pfeifenraucher dann 1924 seinen ersten Roman- an einem einzigen Tag auf der Terrasse eines Pariser Cafes !

Nach der Veröffentlichung des ersten Maigret-Romans „Maigret und Pietr, der Lette“ wurde Simenon durch den großen Erfolg beim Publikum schnell klar, dass man mit Hilfe des Kommissars ganz gut zurechtkommen konnte. Denn, was die Leser nicht wussten, ist, dass er nicht wirklich mit dem Herzen bei der Sache war. Er sah Maigret schnell als Absicherung, als finanzielles Sprungbrett in die „richtige Literatur“.

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Das Kommissariat von Paris. Hier befand sich Maigrets Büro

1934, auf dem Höhepunkt des Erfolges, stellte er zur allgemeinen Überraschung und Enttäuschung die Maigret-Reihe ein. Im darauf folgenden Band „Maigret und sein Neffe“ hatte er seinen Star-Polizisten bereits in den Ruhestand geschrieben. Simenon wollte weg von der „Halbliteratur“ und startete seine „Non Maigret Phase“.

Doch, auch wenn er insgesamt 125 Romane schrieb, die nichts mit der Pariser Polizei zu tun hatten, so recht lief es ohne Jules Maigret nicht. So kehrte er 1942 zurück ins Schaffen Simenons und blieb dort bis 1972, dem Jahr, in dem sich George Simenon von der schriftstellerischen Bühne verabschiedete. Sein letztes Buch ,“Maigret und Monsieur Charles“ markierte das Ende der berühmten Reihe.

Im Gegensatz zu seinem Helden war Simenon stets umtriebig, unruhig, wenig geerdet. Er lebte in Frankreich, in den USA und der Schweiz, ein unbändiger Schaffensdrang trieb ihn um die Welt und sein Hang zum weiblichen Geschlecht von einem amourösen Abenteuer ins nächste. Vielleicht war deshalb sein Kommissar das genaue Gegenteil. Quasi das Gegengewicht zum realen Leben ?!

 

 

George Joseph Christian Simenon starb am 04. September 1989 in Lausanne, in der Schweiz.

Sein berühmter Kommissar, mit dem er lediglich die Liebe zur Pfeife gemeinsam hatte, ist immer noch in aller Munde.

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Rupert Davis als Maigret

 

Ein wenig muss man sich fragen, wieso. Vielleicht, weil dieser Maigret kein Held ist. Kein exzentrischer, brillanter Logiker, wie Kollege Poirot. Kein gnadenloser Faktensammler und messerscharfer Aufklärer, wie Holmes, aber auch kein roher, tougher Bursche, wie Philip Marlowe. Jules Maigret ist mehr der ganz normale Nachbar und in seinen Ermittlungen spielt viel mehr die Intuition eine Rolle, als die Logik, der er sogar misstraut. Zudem geht es in seinen Geschichten nicht so sehr um das Verbrechen und seine rücksichtslose Aufklärung , sondern mehr um die Frage, was die Menschen dazu bringt, solche Verbrechen zu begehen. Menschen, die zunächst einmal so normal sind, wie er selbst. Viel hintergründige Nachdenklichkeit bewegt diesen Mann, der gern isst, sich gern ein Gläschen genehmigt und ohne seine Pfeife nicht denkbar ist.

Simenon schuf mit Maigret das genaue Gegenteil von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“. Eine Art gemütliche Abenteuerlichkeit, die Vorbild solch`erfolgreicher Krimi-Serien, wie „Derrick“ wurde. Zusammen mit der melancholischen Stimmung des Pariser Umfeldes entstand ein Mix, den die Krimi-Fans liebten und es immer noch tun, wenn auch die letzte Serien-Verfilmung mit dem großartigen Rowan Atkinson nach der zweiten Staffel beendet wurde. Vielleicht sind Maigrets Methoden für die aktuelle Zeit nicht mehr laut und hart genug. Wenn Sie aber feinsinnige, unaufgeregte Polizeiarbeit mit Tiefgang schätzen, empfehle ich Ihnen, mit Jules Maigret gemeinsam ein Pfeifchen zu rauchen und einen Fall zu klären- es lohnt sich !

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Rowan Atkinson in der, bislang letzten Maigret-Verfilmung

PS:…und nun ? Welche Pfeifen und welchen Tabak soll man denn nun rauchen, um sich, bei der Beschäftigung mit Maigrets Fällen, so authentisch, wie möglich zu fühlen ?

Das muss ja heraus zu finden sein, schließlich geizt Simenon nicht mit Details. Wir erfahren, wo der Kommissar wohnt, sogar in welchem Stockwerk und wir begleiten ihn in exakt benannte Bistros.

Doch, im Gegensatz zum Kollegen Holmes lohnt sich pipologische Detektivarbeit beim Pariser Kommissar nicht. Einmal nimmt es Simenon, wie berichtet, mit den Details nicht sehr genau. Tote erstehen auf, Häuser stehen kilometerweit von den beschriebenen Straßen entfernt und in beinahe jedem Roman hat Maigret andere Vornamen. Zum Zweiten bekommen wir, in Hinsicht auf Pfeifen und Tabake, keine Anhaltspunkte. Was wir bekommen, ist eine höchst sympathische Einschätzung über den Wert der Pfeife in Maigrets Leben und seiner Arbeit. Kurz nach dem Krieg verfasste Simenon die Erzählung „Maigrets Pfeife“, in der ein Junge des Kommissars liebstes Rauchgerät stiehlt, um selbst zum berühmten Ermittler zu werden. In der Interpretation dieser Geschichte, durch Murielle Wenger, kommt sie zu folgender Erkenntnis:

„Im Mittelpunkt steht Maigrets Beziehung zu seiner Pfeife. Sie ist für ihn nicht nur ein Objekt, sondern unverzichtbarer Teil seiner Arbeit.Vergleichbar mit dem Schreibstift eines Schriftstellers. Nur mit der Pfeife zwischen den Lippen gelingt es dem Kommissar, sich in ein Problem zu versetzen, bis er dessen Lösung findet !“

Finden Sie es sehr schlimm, dass mir diese Interpretation besonders gut gefällt ? Weil ich an mir selber merke, wie elementar die Pfeife für mein Leben ist ? Geht es Ihnen gar genauso ?

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Hier, am Place Dauphine, war Maigret daheim.

 

Nein, es lässt sich nicht wirklich klären, welche Pfeifen der Kommissar erwarb und rauchte. Am sichersten sind sie vermutlich mit Produkten aus dem Hause Butz-Choquin, Corrieu, Chacom…oder ähnlichen Produkten aus dem Bereich um St.Claude.

DB Design Berlin hat zwar vor etlichen Jahren eine „Maigret“-Serie ins Marketing-Leben gerufen. Die Ähnlichkeit mit den, auch in den Filmen und Serien gerauchten, Pfeifen ist aber eher oberflächlich. Allein schon, weil Monsieur le Commissaire die schlankeren Shapes ohne Filter bevorzugte.

Also, wenn Sie Maigrets Spuren folgen wollen, tun Sie es einfach mit einer, Ihrer Lieblingspfeifen und Ihrem bevorzugten Kraut. Die Einstellung zählt…zur Pfeife und zum Leben !

Unbenannt
George Simenon und seine geliebten Pfeifen

 

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