GIANCARLO GUIDI-Der Visionär von Pesaro

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Unsere Geschichte beginnt eigentlich schon um das Jahr 1970 und entstammt einer Notsituation. Durch die, zu Beginn der 60er Jahre immer beliebter werdenden, neuen Pfeifenformen aus Dänemark kam der klassische Pfeifenbau Italiens mehr und mehr ins Hintertreffen. Ursprünglich am englischen Pfeifenbau orientiert, hatte man sich auf Billard, Pot, Bulldog und Co. spezialisiert. Formen, die außerhalb Britanniens immer mehr an allgemeinem Interesse verloren. Zudem entstand die Idee und der Wunsch, italienisches Design-Empfinden mehr in die Entwicklung von Pfeifenformen einfließen zu lassen.

Im Jahre 1972 traf eine kleine Gruppe engagierter Pfeifenmacher unter der Führung von Terenzio Ceccini auf einen jungen Nachwuchsmacher, namens Giancarlo Guidi. Schnell war klar, dass sich die Interessen und Vorstellungen deckten und so gründete man, mit Guidi als treibender Kraft, noch im selben Jahr die Pfeifenbaugemeinschaft „MASTRO DE PAJA“.

Der Name entstand aus „Mastro“ für Meister und Guidis Spitzname „Pajetta“ ( der Lockige) was man im Dialekt der Gegend „de Paja“ aussprach.

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Der Meister bei der Arbeit.

Doch, es ging nicht nur um gemeinsamen Pfeifenbau, sondern auch um die Integration neuer Formenideen und um Wege, Kunstentwicklungen und –traditionen in diesen Pfeifenbau mit einfließen zu lassen. Unter Guidis Führung entwickelte sich die „Pesaro School of Pipeart“. Man förderte Nachwuchstalente und ermutigte sie, ihre persönlichen Ideen und Vorstellungen zu verwirklichen. So wurde die Region um Pesaro zur Geburtsstätte des gesamten, modernen Pfeifenbaus Italiens.

Giannino Spadoni stieß kurz darauf zu Mastro de Paja. Der ehemalige Verkäufer und Giancarlo Guidi ergänzten sich gut und mit Spadonis Geschäftssinn und Guidis Genie stieg die Firma „ Mastro de Paja Guidi e Spadoni“ rasch zu großem Erfolg auf. Beseelt von der Idee eleganter, künstlerischer Formen und der daraus resultierenden, neuen, offeneren Interpretation klassischer Formen gab Guidi seine Visionen und Ideen an begabte Nachwuchsmacher weiter.

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Eine frühe Ser Jacopo, noch mit dem ersten Firmenzeichen, dem roten Punkt.

Bruto Sordini (Don Carlos), Giorgio Imperatori ( Il Cheppo), Massimo Palazzi und Andrea Pascucci ( l`anatra), Maurizio Tombari (Nuvole), Guido und Elio Rinaldo (Rinaldo )…all`diese, heute erfolgreich auf eigenen Füßen stehenden Macher haben bei Guidi gelernt, die Ideale der neoklassizistischen, italienischen Pfeife verinnerlicht und sind diesem Weg bis heute treu geblieben. Zusammen mit der Gegend um Cucciago darf man Pesaro als Wiege der Renaissance der italienischen Pfeife ansehen. Von hier kamen die Ideen und Stile, die den heutigen Pfeifenbau in Italien nach wie vor prägen.

Wie Carlo Scotti, mit seinen Castellos im norditalienischen Cantu, hat Giancarlo Guidi den Pfeifenbau im übrigen Italien auf eine neue Ebene gebracht.

Zum Ende des Jahres 1980 standen die Zeichen aber auf Veränderung. Spadonis Pläne einer weiteren Expansion und mehr maschineller Fertigung wollte Guidi nicht folgen. Er und Bruto Sortini verließen Mastro de Paja und Giancarlo Guidi gründete Ser Jacopo oder genauer Ser Jacopo della Gemma.

In dieser, nach einem italienischen Edelmann benannten, eigenen Firma setzte Guidi seinen Stil fort. Er, der Feingeist, der von der Kunst kam, den Malerei und Bildhauerei für die Pfeife inspirierte, der stets nach Schönheit und Harmonie strebte, den aber auch die wissenschaftlichen Arbeiten eines Leonardo da Vinci in ihren Bann schlugen, ihn inspirierten.

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Das erste Modell der „Picta“-Serie

Ähnlich, wie es Scotti mit Castello machte, suchte sich Giancarlo Guidi ein Team von talentierten Pfeifenmachern zusammen. Ein Team von Leuten, für die die Pfeife kein handwerklicher Job war, sondern Herzenssache, die seine Ideen verstanden und seine Faszination teilten.

Mit enorm hohem Anspruch an die verwendeten Materialien und die Fertigung, mit Verzierungen aus Edelmetallen, Steinen oder seltenen Hölzern und mit den besonderen, stets harmonischen Formen wurde Ser Jacopo weltweit bekannt und geschätzt. Der Verlockung zur Expansion hat man sich stets widersetzt. Guidi hätte ein Mehr an Produktion, erkauft durch ein Weniger an Perfektion nie übers Herz gebracht. Sein Schreibtisch war ohne einen Berg an Zeichnungen und Kunstbüchern nicht denkbar. Stets auf der Suche nach neuen Wegen, Ideen und Möglichkeiten blieb er der führende Kopf der Pesaro-Schule. Irgendwann fiel sein Hauptaugenmerk auf die Werke von Vincent van Gogh und auf die Pfeifen, die man gelegentlich auf seinen Bildern sah. Es entstand eine Idee, mit der sich Guidi eine Art kleines Denkmal setzte. Die „Picta“-Reihe entstand. Man brachte die Pfeifen von den Bildern in die Realität. Doch nicht etwa als blanke Kopie, sondern angereichert mit der Sprache der Moderne. Eine Pfeifenserie, die weltweit Beachtung fand und die Sammler auf den Plan rief. Jede Neuerscheinung ein Meisterwerk. Neben van Gogh fanden aber auch andere Maler den Weg ins Picta-Programm, so Magritte, Picasso und Miro.

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Ein verschwenderisch verziertes Prachtstück im typischen Ser Jacopo Stil.

War Guidi mit Ser Jacopo zunächst aufs Land gezogen, kehrte er zu späterem Zeitpunkt an die alte Wirkungsstätte zurück. In das Gebäude, in dem mit Mastro de Paja alles anfing, die ihrerseits mittlerweile in eine größere Firma umgezogen waren. Guidi investierte in Maschinen und Umbauten und so wurde eine kleine, aber feine….ja, was eigentlich ?

„Fabrik“ kann man kleine Räumlichkeiten mit vier Pfeifenmachern kaum nennen. Einigen wir uns auf Manufaktur. Gemeinsam mit Giancarlo arbeiteten dort drei Pfeifenkünstler, die den Geist von Ser Jacopo ebenso lebten, wie er selbst. Direkte, kurze Wege, gemeinsame Beratschlagung…solche Dinge waren Guidi wichtig. Deswegen sträubte er sich stets gegen eine Vergrößerung des Betriebes, die ihn letztlich von der Basis entfernt hätte. Er hätte delegieren müssen, anstatt direkt involviert zu sein. Effektiv arbeitete man trotzdem. In Spitzenzeiten kam Ser Jacopo auf etwa 3500 Pfeifen im Jahr.

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Mit einem Augenzwinkern. Die „kaputte“ Pfeife, die so komplex in der Herstellung ist.

In Serien, die mit der „Mastro Gepetto“ als Einsteigerserie begannen und bis zu den seltenen Topklasse-Exemplaren der „Gem“-Reihe reichten.

Immer der neoklassizistischen Art verpflichtet, stets mit neuen Ausführungs-und Formideen. Guidi arbeitete auch an neuen Techniken der Sandstrahlung und der Beizung, formte gern auch mal Besonderheiten, wie die Zwei Personen-Pfeife und studierte weiterhin in jeder freien Minute Werke über Malerei und Bildhauerei. Immer auf der Suche nach neuen Inspirationen. Weggefährten berichteten, dass sein Schreibtisch bisweilen überquoll, vor Kunstbüchern. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass der „Pesaro-Stil“ den Großteil seines Lebens einnahm.

Zu Beginn des Jahres 2012 erfuhr Giancarlo Guidi von seiner schweren Magenkrebs-Erkrankung. Dem Schock folgte aber keinesfalls Lethargie. Im Wissen, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, erhöhte er seine Bemühungen, den Pesaro-Stil auch über seine Zeit hinweg zu festigen. Noch bis Juni war er täglich in seiner Firma, arbeitete, entwarf und stellte die Weichen für die Zukunft von Ser Jacopo. Giancarlo Guidi, eines der wohl größten Genies in der Pfeifenwelt verlor am 07.August 2012 den Kampf gegen den Krebs endgültig.

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Nach Plänen von Leonardo da Vinci, der für einen Edelmann die Kühlung von dessen Tonpfeife ersann. Außenkopf, Kühlraum mit Luftlöchern, Innenkopf- alles perfekt in Bruyere umgesetzt.

Sein Lebenswerk aber lebt weiter. Wer die Hintergründe nicht kennt und heute erfährt, dass die Ser Jacopo-Pfeifen unter der Regie von l`anatra gefertigt werden, ist im ersten Moment warscheinlich irritiert.

Wer aber wäre geeigneter, das Werk im Sinne der Pesaro-Schule fortzusetzen, als die Leute, die den Stil direkt von seinem Gründungsvater erlernt haben ?

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Die berühmten Locken. „De Paja“, in Ehren ergraut.

Die Pesaro-Linie entwickelt sich weiter, bekommt neue Anstöße und Richtungen und doch bleibt sie der Kunst eng verpflichtet. Genau das hätte Giancarlo Guidi gewollt. Einen lebendigen Stil, der sich von Inspirationen nährt.

Wer heute mit Pfeifenmachern aus der Region Pesaro spricht, merkt, dass Mastro Guidi allgegenwärtig ist…auch sechs Jahre nach seinem Tod.

Von „Unsterblichkeit“ zu sprechen, wäre vielleicht vermessen. Fest steht aber, dass Guidi die Pfeife weltweit beeinflusst hat. Das kann man nicht über viele Personen sagen.

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Phantasie und handwerkliche Meisterschaft ließen Guidi auch zu kühnen Schöpfungen kommen.

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