VALLBERG- DIE EIGENE WELT DES NORBERT GERHARZ

„Ja, da staunen Sie, was?“ Ich staune in der Tat. Denn der Bohrer, mit dem gerade unser Gastgeber mit kundiger Hand den Rauchkanal gebohrt hat, sieht seltsam aus. Seltsam, aber praktisch. „Diese Bohrer mache ich mir selbst zurecht…aus Fahrradspeichen“, erklärt er mit der größten Selbstverständlichkeit, „…und meine Polierscheiben mache ich auch selbst. Aus alten Post-T-Shirts. Das ist mir lieber.“

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Norbert Gerharz in seinem Reich

Dabei lächelt er wissend und ein wenig spöttisch. Damit, so weiß er, hat er mich „jungen Pfeifenkerl“ jetzt echt überrascht. Das er mich, mit meinen 57 Jahren, noch als Nachwuchs ansieht, ist der Tatsache geschuldet, dass er mittlerweile über 80 Lenze zählt. Nein, man sieht und merkt ihm das Alter nicht an. Wache Augen leuchten, wenn er voller Hingabe von seiner Leidenschaft, dem Pfeifenbau, erzählt. Einer Leidenschaft, der er mittlerweile seit fast 64 Jahren nachgeht. Norbert Gerharz ist einer der letzten, gelernten Pfeifenmacher und Drechsler unserer Zeit…und das kam so…

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Eine Rechnung über gelieferte Pfeifen von Müllenbach und Thewald vom Mai 1871.

Höhr, Hilgert, Vallendar, Koblenz. In dieser Gegend hatte der Tonpfeifenbau eine lange Tradition.1830 gründeten auch Jakob Müllenbach und Wilhelm Thewald in Höhr, im Westerwald, eine Firma, die sich zunächst mit der Fertigung von Tonpfeifen und Steinzeug beschäftigte. Schon 1848 kam die Fertigung von Pfeifen aus den heimischen Hölzern dazu, 1864 begann die maschinelle Produktion, das Bruyere kam dazu und um die Wende zum 20.Jh. eröffnete man eine Zweigstelle im benachbarten Vallendar. Die Geschäfte liefen über die Jahrzehnte gut und beinahe hätte man auch zwei Kriege relativ gut überstanden. Am 5.Januar 1945 aber legte ein schwerer Bombenangriff auf Höhr-Grenzhausen Verwaltung und Pfeifenproduktion in Schutt und Asche. Das hätte das Ende von M&T bedeuten können, doch, man darf die Westerwälder nicht unterschätzen. Nach vier Monaten begann der Wiederaufbau und ab 1947 produzierte man wieder Pfeifen. Allerdings nur noch im neuen, größeren Werk in Höhr. Die Zweigstelle Vallendar wurde geschlossen.

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Typische M&T aus dem Jahr 1970.

1954 schließlich trat Norbert Gerharz dort seine Lehre als Pfeifenmacher und Drechsler an. Später war er dort lange Jahre Betriebsleiter. Um das Jahr 1970 herum wurde die Konkurrenz aber übermächtig. Die großen Pfeifennationen Frankreich und Italien drückten mit günstigen Produkten in den Markt. Sie hatten den Vorteil, Bruyere im eigenen Land vorzufinden und es nicht importieren zu müssen. In Deutschland wuchs zusätzlicher Druck durch die modernen Fertigungen von Oldenkott und Vauen, deren Qualität der von M&T letztlich überlegen war. 1972 stellte man in Höhr den Pfeifenbau ein und Norbert Gerharz machte sich als Pfeifenbauer selbstständig. Zwar arbeitete er in seinen letzten 25 Berufsjahren noch als Zahntechniker, die Leidenschaft Pfeifenbau lief aber immer parallel.

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Norbert Gerharz in früheren Jahren, auf einem, der vielen Handwerksmärkte. Dort verkaufte er seine Pfeifen und gab Einblicke in die Pfeifenmacherei.

Die 70er und 80er Jahre waren bewegte Pfeifenjahrzehnte in Deutschland. Durch die Berichterstattung über diese Zeit könnte mancher junge Pfeifenfreund glauben, die Pfeifenszene dieser Jahre hätte nur aus Rainer Barbi und Co. bestanden, doch das ist weit gefehlt. Es gab viele, teil-und hauptberufliche Pfeifenmacher, die tolle Arbeit machten. So auch Norbert Gerharz mit seinen „Vallberg-Pfeifen“. Der Weg zur Bekanntheit war schwerer, seinerzeit…und sehr zeitintensiv. Wer nicht durch Glück und/oder tägliche Bemühungen zur rechten Zeit am rechten Ort war, gelangte nicht in den Fokus der Pfeifenfans. Internet und „Social Networks“ waren noch weit entfernte Zukunftsmusik und die damals angesagten Pfeifenmagazine und –journalisten fielen besonders durch ihre Scheuklappen auf. Man konzentrierte sich auf das, was „lief“. Berühmte Macher und große Konzerne diktierten den Tunnelblick. Nie ist einseitiger über die deutsche Pfeifenszene berichtet worden, als in dieser Zeit.

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Kleiner Blick in Gerharz aktuellen Ausstellungsraum.

Doch Norbert Gerharz gelangte trotzdem zu seiner, ganz persönlichen Berühmtheit. Auf die großen Bühnen zog es ihn nie. Er verkaufte seine Pfeifen lieber auf vielen Handwerksmärkten, die in dieser Zeit über das ganze Land verstreut waren und aus der nahen Bundeshauptstadt Bonn fanden viele Politiker zu ihm, um sich ein neues Rauchwerkzeug zu gönnen. Sogar Herbert Wehner gehörte zu Gerharz Kunden. Ein damals recht bekannter Pfeifenmacher war auch Uwe Thormann. Seine ungewöhnlich geformten UTOR-Pfeifen stachen aus dem allgemeinen Angebot heraus.

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Typische UTOR ihrer Zeit

Jetzt und hier erfahre ich von Norbert Gerharz, dass Thormann nie Pfeifen gebaut hat, sondern sie hier, in dieser Werkstatt, fertigen und mit seinem Namen stempeln ließ. Er erzählt mir auch davon, wie er Horst Fuchs im Pfeifenbau unterrichtete. Fuchs war ein wirkliches Talent, musste den Pfeifenbau aber später aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel hängen.

So stehen wir hier, an seiner Wirkungsstätte und sprechen über alte und neue Pfeifenzeiten. Nein, auf Handwerkermärkte fährt er schon etliche Jahre nicht mehr. Das Alter fordert seinen Tribut, das ständige Reisen, der Auf-und Abbau…das tut er sich nicht mehr an. Doch, jeden Tag geht er noch in seine Werkstatt und fertigt Pfeifen. Hier, wo es nach heillosem Chaos aussieht, der Meister aber mit einem Handgriff alles findet, fühlt er sich wohl. Nur ein paar Schritte vom Haus entfernt, weiß er seine Frau, seinen gemütlichen Sessel und einen frischen Kaffee in seiner Nähe.

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Kostengünstige Gebrauchspfeifen sind auch heute noch Bestandteil von Norbert Gerharz`Programm.

Nur, fertige Pfeifen sehe ich nicht. Meine Frage danach quittiert er mit einem Lächeln und holt einen Schlüssel. Über ein paar Treppenstufen betreten wir mehrere Räume, die mir erneut den Mund vor Staunen offen stehen lassen. Als das Licht angeht, stehe ich in einem Ausstellungsraum mit Hunderten Exponaten. Es ist einfach alles vertreten. Von der kleinen Shagpfeife für 15 Euro bis hin zu prachtvollen Freehands und Pfeifenskulpturen für mehrere hundert Euro. Klassisch, dänisch, mit Filter oder ohne…was das Herz auch begehrt. Alle handgearbeitet, nach alter, erlernter Tradition. Ich wüsste kaum ein Pfeifengeschäft, dass noch eine derartige Auswahl anzubieten hätte. Alles im Hinterhaus eines gemütlichen, Westerwälder Eigenheims.

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Das erwartet man nicht unbedingt im Hinterhaus eines Eigenheims.

Die Qual der Wahl zieht sich, doch schließlich ist es eine bildschöne Canadian, die für sehr akzeptablen Preis den Besitzer wechselt. Der Abschied ist herzlich und bei der folgenden Tasse Kaffee sind die Gefühle zwiespältig. Ich danke meinem Freund Jan Opgenoorth, der Herrn Gerharz nach intensiver Recherche gefunden hat und durch seine Nachricht Erinnerungen an frühere, besondere Pfeifenzeiten in mir wachgerufen hat. Ich freue mich über die großartige Gelegenheit, diesen Mann besucht haben zu dürfen…doch, ich hadere auch mit mir. Viele Pfeifenfreunde würden sicher gern in diesem Ausstellungsraum nach einem Schatz für sich suchen. Doch, würden solche Besuche den freundlichen, in sich ruhenden, alten Herren nicht überfordern? Würden sie ihn nicht aus der Ruhe seiner eigenen, kleinen und zufriedenen Pfeifenwelt reißen?

Ach, wenn man doch immer wüsste, was das Beste ist und was man tun soll…

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Der Meister bei der täglichen Arbeit.

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