„Es ist`n Handwerk, wie jedes andere. Sonst nüscht!“ Über die Ansichten des Karl Peter Lehmann

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Die Ruhe ist ihm deutlich lieber, als oberflächlicher Gesellschaftsrummel.

„Weeste, ene Pfeife zu bau`n, die `mer roochen kann, dazu broocht`s zwe`e, jut jebohrte Löcher- sonst nüscht. Der Rest is` Ästhetik!“

Der Mann der vor mir sitzt sieht genauso aus, wie man sich einen Spielzeugmacher im Märchenfilm vorstellt. Grauweißer Vollbart, kluge Augen hinter einer Silberrandbrille und ein spitzbübisches Lächeln auf den Lippen.

Er lächelt zur Bestätigung. Was er da gerade gesagt hat, ist keine Provokation, kein Fischzug nach Komplimenten…es ist seine Überzeugung. Ach ja…und Spielzeugmacher ist er wirklich. Mit Brief und Siegel. Häuser hat er gebaut, Umweltämter geleitet und nun baut er Pfeifen, mit denen er zu einem der erfolgreichsten Pfeifenmacher Europas wurde…aber, der Reihe nach.

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Das Wesentliche an einer Pfeife. Zwei ordentlich gebohrte Löcher.

Karl Peter Lehmann wurde 1945 in Dessau geboren. Er wuchs auf in einer zerstörten Stadt, klopfte Steine, ging zur Schule und sammelte Kartoffelkäfer in Marmeladengläsern. Die hatte angeblich der Klassenfeind abgeworfen und wenn solch ein Glas voll war, gab es eine Belohnung vom LPG-Vorsitzenden.

Nach dem Dienst in der Volksarmee und abgeschlossenem Studium wurde er Abteilungsleiter in einem galvanischen Betrieb und übernahm das elterliche Haus in Dessau-Süd. Doch das vorbestimmte Leben zwischen Spitzendeckchen und Planerfüllung war absolut nicht das, was ihm und seiner Martina vorschwebte.

Gemeinsam mit einem befreundeten Paar übernahmen sie einen Bauernhof bei Hausdorf und gründeten eine Kommune, mitten im Kommunismus. Das allerdings stieß den herrschenden Volksgenossen ebenso sauer auf, wie Vollbart und Pferdeschwanz. Fortan stand die kleine Kommune unter Druck und strenger Beobachtung. Man machte ihnen das Leben so schwer, wie möglich. Eine harte Zeit, wie Peter heute erzählt. In ihren Berufen bekamen sie, dank „staatlicher Hilfe“, kein Bein auf den Boden. Peter musste sich als Gärtner im Colditzer Schloßpark verdingen und Martina malte, als Hilfskraft, mit psychisch kranken Patienten. Gelebt wurde oft von dem, was der Boden des Hofes her gab. Das war 1981. Peter Lehmann war stets unbequem, engagierte sich als Umwelt-Aktivist und kritisierte, wo er es für nötig hielt.

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Blitzsaubere Pot-Interpretation aus Ebenholz,mit Spigot-Verblendung und handgeschnittenem Cumberland-Mundstück. Top-Smoker !

400 Seiten umfasst der Stasi-Bericht über seine Person. „Renitent sei er, aber kein Staatsfeind“ kann man dort lesen. Um überleben zu können, wurden Lehmanns erfinderisch. Während Martina ihr Geschick beim Nähen nutzte, begann Peter zu drechseln. Zunächst Armreifen, später Spielzeug. Figuren, Schaukelpferde…langsam aber sicher wurden die Produkte der „Spiel und Textil“-Arbeitsgemeinschaft Lehmann auch einem größeren Personenkreis bekannt. Lehmanns wurden zu Ausstellungen eingeladen und mit der Zeit bekam das „Notprogramm“ eine eigene Dynamik. Zusätzlich arbeitete Peter in den letzten DDR-Jahren als Industrie-Bauleiter im Colditzer Steinzeugwerk. Die größte Not schien überwunden und zur großen Freude gab es im Januar 1989 noch die offizielle Genehmigung, einen Handwerksbetrieb zu eröffnen, obwohl Peter kein Meister war. Dies war der Startschuss zur „Lehmannschen Spielzeugwerkstatt“.

Doch im Laufe des Jahres 1989 zeichneten sich große Dinge ab. Peter Lehmann unterstützte das „Neue Forum“, fuhr zu den Montags-Demonstrationen nach Leipzig. Dort gab es, am 7. Oktober, ordentlich Schläge. Peter setzte die schlimmen Erlebnisse um, in dem er einen Mannschaftstransporter baute, besetzt mit grimmig schauenden Polizei-Figuren und dem Nummernschild VP 0710-89. Dieses Holzauto ziert noch heute seinen Ausstellungsraum. Was zunächst spielerisch und humorvoll anmutet, ist doch Zeitzeuge böser Erfahrungen.

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Dezent prunkvolle Interpretation der (umgedrehten) Jakobiner-Mütze. Die „Bonnet Rouge“ mit Plateaurand.

Es kam die Wende, von Stund`an kaufte jeder nur noch Westprodukte und Lehmanns waren von einem Tag auf den nächsten quasi mittellos. Der Beginn einer harten Zeit. Als Quereinsteiger übernahm Peter Lehmann 1990 das Ressort Umwelt im Landratsamt Rochlitz. Ab 1992 wechselte er ins Leipziger Umweltamt. Der Handwerksbetrieb lief aber weiter. Martina Abicht-Lehmann begann mit der Kunst ihrer Holzengel-Gestaltung, die Peter für sie in Rohform anfertigte. Er baute in den folgenden 12 Jahren vornehmlich Spielplätze-aus Holz. Der Arbeitstag begann um 6 Uhr, mit der Einweisung der Kräfte auf den Baustellen, dann ging es ins Amt und nach Ende der täglichen Dienstzeit wieder zur Baustelle. Martinas Engel wurden ein Riesen-Erfolg. Man reiste von Ausstellung zu Ausstellung und Peter schuf zusätzlich noch unzählige Schwedenhäuser am Cospudener und Kulkwitzer See, die er zumeist ganz allein, nur „mit Hilfe von Archimedes“ aufbaute.

Die viele Arbeit aber trug Früchte. Die Engel von Martina Albicht-Lehmann sind heute ein Verkaufsschlager in der ganzen Welt und als Peter beschloss, sich die harte Arbeit des Häuserbaus nicht mehr antun zu wollen, stellte ein Schlüsselerlebnis die weiteren Weichen. Vor rund 15 Jahren wünschte er sich von seiner Martina eine Pfeife als Geschenk. Die aber kehrte aus der Stadt zurück und fragte : „Weißte eigentlich, was die kosten ?“

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Ungewöhnliche Oberflächen, formelle Zitate alten Pfeifenbaus, Tradition in der Moderne…auch das eine Spezialität der Lehmann-Pfeifen

So ging Peter in die Werkstatt und baute sich seine Pfeife selbst. Schnell stellte er aber fest, dass ihm dafür einiges Wissen fehlte.

Sein Freund Klaus Billerbeck führte Peter daraufhin genauso in die Geheimnisse des Pfeifenbaus ein, wie Rainer Barbi es tat. Von ihnen lernte Peter manchen Trick und Kniff und die Lehmannsche Pfeifenfertigung unter dem Siegel „PL“ war geboren. Seine pragmatische Art, Pfeifen zu bauen und über Pfeife zu denken, bescherte ihm rasch Erfolg.

Was ist nun so anders, an seiner Auffassung zum Thema Pfeife? Peter sieht sich als Handwerker. Einer, der gutes Werkzeug zum Verrauchen von Tabak fertigt. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist nicht so, dass dem äußerst belesenen und klugen Karl Peter Lehmann die Kunst an sich fremd wäre, er sie nicht zu schätzen wüsste- er bringt sie nur nicht mit der Pfeife in Verbindung. Über die selbst ernannten Feingeister, die seine Arbeit gern mal verspotten, kann er nur lächeln. Pfeife, das ist für ihn gutes, solides Handwerk. Die Bohrungen müssen sauber passen, dass Mundstück muss angenehm gearbeitet sein, sie muss guten Zug haben, alle Bauteile gehören solide gefertigt und sie soll bezahlbar sein- das ist maßgeblich!

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Oft findet sich auch die englische Pfeifengeschichte in Peters Arbeiten wieder. zumal er für Englands Süden eine ganz spezielle Liebe hegt.

Von Statussymbolen, Namensbrimborium und all`dem Chichi, mit dem die Branche sich gern schmückt, will er nichts wissen. Da kann er auch schon einmal seine Gelassenheit einbüßen und nachdrücklich werden.

Trotzdem gibt es eine Besonderheit im Lehmannschen Pfeifenbau, die die Kunden gern in Anspruch nehmen. Neben seinen Standardformen baut er nahezu jede Art von Pfeife, die dem Interessenten vorschwebt. Bienenkörbe, Weinfässer, Flugzeuge, Motoren oder Drachenrücken. Was sich mit einem Tabakraum und einem Mundstück versehen lässt, daraus konstruiert der findige Peter gut rauchbare Pfeifen. Die Freunde der Phantasie kommen ebenfalls nicht zu kurz. Lange, bevor ein Großproduzent auf die Idee kam, fertigte Peter Lehmann schon Lesepfeifen für Tolkien-Fans, wie man sie auch im Auenland nicht besser hätte erdenken können…und das tut er immer noch.

Ob Bruyere, Mooreiche, Olive, Ebenholz oder ( in Zusammenarbeit mit einem türkischen Pfeifenmacher) Meerschaum- kein Problem.

Klare, vorherige Absprache mit dem Kunden, Dokumentation der Fertigung und eine Rechnung, aufgeschlüsselt nach Arbeitskosten und Material sind dabei selbstverständlich. Handwerk eben, wir sprachen davon.

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Ob Drachentöter…

 

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Ork-Jäger…
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…Liebhaber des weißen Goldes…

 

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…oder Sternendeuter. Bei Peter Lehmann bekommt jeder seine Wunschpfeife. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

 

Geht ihm, als Handwerker, die Seele der Pfeife ab ? Hat er nicht DEN Bezug zur Pfeife, die sich mancher Käufer von seinem Pfeifenmacher wünscht ?

Die Antwort findet man bei einem Besuch des regelmäßig (und nicht nur im Hause Lehmann) stattfindenden Stammtisches des „Colditzer Tabakkollegiums“. Hier sitzen sie, Pfarrer und Tätowierer, Bauer und Jurist, Chefarzt, Künstler, Handwerker und Kapitän. Sie genießen ihre Pfeife und das Leben, reden über Gott und die Welt. Zwanglos, ohne Grenzen durch Sein und Haben. Doch, doch…den Geist der Pfeife findet man dort, findet man auch bei Peter Lehmann…nur Pathos, den sucht man vergebens!

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Kritikern seiner Art, Pfeifen zu bauen , begegnet Peter gern mit Humor.

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