LATAKIA-Der würzige Zufall

Latakia Town
Blick auf die syrische Hafenstadt Latakia

Wir befinden uns im November 1890, im westlichen Teil des syrischen Hama-Gebirges, genauer in Al-Ghab. Die Stimmung ist schlecht, erzürnte Tabakbauern haben sich zusammen gefunden, um zu beraten.

Noch vor dem drohenden Schnee und der dann folgenden Unpassierbarkeit der Wege sollte die Tabakernte aus den Bergen nach Hama gebracht werden, in die Stadt am Fuße des Gebirges, den Hauptumschlagplatz für syrischen Tabak. Doch plötzlich heißt es, dass man den vereinbarten Preis nicht bekommen soll.

Das wäre für die meisten Bauern existenzbedrohend, hat man in den Bergen doch nur Tabak und die Produktion von Öl, um das finanzielle Überleben zu sichern. Es regt sich Protest. Man beschließt, keinen Tabak nach Hama auszuliefern. Sollen sie doch sehen, wie sie mit einem murrenden Volk ohne Tabak zurecht kommen.

Diese Gefahr erkennt man in der Händlerschaft von Hama auch bald und willigt ein, den ursprünglich zugesagten Preis zu zahlen. Doch, zu spät. Der Winter hat mit Vehemenz eingesetzt und bis zum Frühjahr sind die Wege nicht zu begehen. Die Tabakbauern lagern ihre Ernte in großen Verschlägen und zünden den Winter hindurch stark rauchende Feuer neben den Schuppen an, damit die Feuchtigkeit den Tabak nicht verdirbt. Als die Ernte mit einsetzender Schmelze zu Tal gebracht werden soll, probiert man den Tabak vorher vorsichtshalber…und plötzlich gibt es überall erstaunte Blicke und große Begeisterung. DAS gab es noch nie. Was für ein Aroma nach Wein, Kräutern und Holzrauch. Diese sensationelle Entdeckung war die Geburtsstunde des LATAKIA.

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Blick auf das Tal von Al Ghab, in den syrischen Bergen.

Latakia wurde nämlich nicht in der Nähe der Hafenstadt angebaut, wie oft vermutet, sondern der Name kam nur zustande, weil die Tabake von dort in die ganze Welt verschifft wurden.

Latakia ist also keine eigene Tabaksorte.

Der eigentliche Name der Tabakpflanze ist „Shekk-el-Bint“, eine Unterart der Orienttabake. Nun hatte man entdeckt, wie man eben diesen Tabak veredeln konnte. Zunächst wurden die Blätter und Blüten in der Sonne getrocknet und dann in Lagerschuppen gebracht, wo sie zwischen dreizehn und fünfzehn Wochen geräuchert wurden. Am besten eigneten sich für die Räucherfeuer die Hölzer der Aleppo-Kiefer, der Zerreiche und der Valonia-Eiche. Dazu kamen geringe Mengen der Libanon-Zeder und etwas griechisches Wacholderholz.

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Bei diesem Anblick läuft Fans das Wasser im Mund zusammen.

Nach der Räucherung hatte man dann den Tabak, den die Syrer „Abourihm“ nannten, was so viel heißt, wie „König des Geschmacks“.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde zunächst die Zigarettenindustrie auf diesen Tabak aufmerksam, um damit die seinerzeit so gefragten, türkischen Zigaretten mit besonderer Würze zu versehen. Alsbald entdeckte aber auch die Pfeifentabak-Industrie das Wunderkraut, um das sich gerade dort eine große Fangemeinde bildete. Produktion und Ausfuhr stiegen enorm, was zunächst auch den syrischen Staat freute, der kräftig mit verdiente. Doch mit den Jahrzehnten entstand ein gewaltiges Problem, das zur hohen Zeit des Latakia noch niemand erkennen wollte oder konnte. Ein Problem, dass schon in den achtziger Jahren zu einem, vorübergehenden Produktionsverbot führte und kurz nach der Jahrtausendwende zum endgültigen Ende des syrischen Latakias führen sollte.

Nicht die kriegerischen Auseinandersetzungen waren, wie oft vermutet, der Grund für das Ende des syrischen Latakias. Syrien lebt seit Jahrzehnten mit Kriegen und Unruhen. Selbst im Jahr 2017, einem der schlimmsten Kriegsjahre, wurden in den Küstentälern und dem Gebirge 27.000 Tonnen Tabak produziert.

Der Tabakanbau macht immer noch fast 60% der bepflanzten Fläche Syriens aus und rund 100.000 Menschen leben vom Tabakanbau.

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Klassiker, wie er verdanken ihre Berühmtheit nicht zuletzt dem braun-schwarzen „Gold“

Der wirkliche Grund war ein unvorstellbarer Raubbau an der Natur. Man stelle sich die Mengen an Tabak vor und führe sich vor Augen, dass alles 12-15 Wochen ( also drei-vier Monate) durchgehend mit Feuern geräuchert wurde. Das lässt in etwa erahnen, wie viele Kiefern und Eichen gefällt wurden, um diese Feuer füttern zu können. Da auf den Bergen produziert wurde, wurde auch dort der Holzbestand dezimiert und zwar so extrem, dass Syrien heute mit schwersten Erosionsschäden zu tun hat, da das haltgebende Wurzelwerk der Bäume schlicht nicht mehr existiert.

Heute baut man dort vornehmlich in den Küstentälern an und zwar Virginias und Paan ( ein Shisha-Tabak), die immer noch in Hama gehandelt und zum Verkauf weiterverarbeitet werden.

 

Schon zu Zeiten der schweren, religiösen Unruhen in Syrien, Anfang der 80er  und der daraus resultierenden Marktunsicherheit wurde Latakia auch auf Zypern produziert. Das es ein „anderer“ Latakia ist, ist leicht zu erklären. Zum einen handelt es sich um andere Rohtabake, nämlich „Smyrna“ und „Izmir“. Diese Sorten sind auch als „gelber Zypriote“ bekannt. Dann wird auch über ganz anderen Hölzern geräuchert. Vornehmlich ( zu etwa 90%) über Mastix-Sträuchern. Das ist eine Wildpistazie, die doppelt genutzt wird. Beim Schlagen der, bis zu drei Meter hohen Strauchgewächse wird das Harz aufgefangen und getrocknet. Dieses Harz findet zu Heilzwecken Verwendung, wird aber auch in der Süßwaren-Produktion genutzt. Ergänzt werden die Räucherfeuer dann mit etwas Myrte, Zypresse und Zirbe. Insgesamt ergibt sich dadurch ein prägnanterer, süßerer, ledrigerer Geschmack beim fertigen Latakia.

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In diesen Cigarettensorten begann der Siegeszug des Latakia.

Wer nun aber glaubt, dass es immer noch zyprischer Latakia ist, den er nun verraucht, der irrt. Eine letzte „Wahrheit“, die man berichtigen muss. Bereits vor etwa zwölf Jahren wurde in der Gegend zwischen Neo Chorio und Polis, in der Region Akamas der Anbau für Latakia-Rohtabake eingestellt.

Vermutlich aus ähnlichen Gründen, wie zuvor in Syrien.

Seither kommt der „zyprische“ Latakia aus der Region von Izmir, in der Türkei. Der fertige Tabak wird dann in den türkischen Teil Zyperns verschifft und dort den Tabakmaklern als „zyprischer“ Latakia verkauft. Ein, zumindest in der Fachwelt, offenes Geheimnis.

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Tabakanbau und Trocknung in der Türkei.

Da Bodenbeschaffenheit, Klima und Herstellungsverfahren aber quasi identisch sind, ist das sicher kein „Drama“. Problematischer ist da schon, dass türkische Umweltverbände ein scharfes Auge auf die Latakia-Produktion um Izmir haben und es zwischenzeitlich schon zu einem, vorübergehenden, Produktionsstop kam, da Vorschriften nicht eingehalten wurden. Ähnlich wie der Perique muss wohl auch der Latakia als Tabaksorte angesehen werden, dessen Fortbestand von sensiblen Faktoren abhängig ist. Seien wir optimistisch…und schaffen wir uns ein wenig Lagerfläche.

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Orient-Setzlinge, aus denen später (viel später!) der große Genuss entsteht.

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