VON APOTHEKERN, SPINNERN UND TRAFIKANTEN- Der lange Weg zum Tabakwaren-Fachgeschäft

Schon lange bevor man begann, ihn zu rauchen und zu schnupfen, galt der Tabak als Heilmittel.

Man bezeichnete ihn als „die neue Droge der Indianer“, verkaufte ihn in Blattform, als Salben, Tinkturen, Extrakt und Sirup. Kein Wunder also, dass die Apotheken als erste Vertriebsstellen für Tabakprodukte gelten. Alsbald kam die Anwendung des Rauchens dazu, so das die Abgabe vornehmlich in Blattform geschah. Zur Aufbewahrung des Tabaks dienten die, auch heute noch bekannten, großen Töpfe aus Steingut und Porzellan, wie sie in vielen Museen zu bewundern sind.

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Die reich verzierten Töpfe, in denen anfänglich in den Apotheken Blatt- und Schnupftabake verwahrt wurden.

Wann es dazu kam, dass die Kunden ihren Tabak direkt in den Apotheken verrauchten, lässt sich nicht genau klären. In einem Buch, das 1617 in London erschien, ist jedenfalls eine Gruppe von drei Männern zu sehen, die im Hinterzimmer einer Apotheke fröhlich ihre Tonpfeife schmauchen. Immer mehr Apotheker entdeckten diesen neuen, lukrativen Trend. Das Rauchen von Tabak setzte sich schnell und in großer Menge durch und so ließ sich manches Goldstück verdienen.

 

Das gute Geschäft blieb aber auch den Krämern nicht verborgen, die nach und nach begannen, die Blätter der gefragten Tabakpflanze auch in ihren Läden anzubieten. Sehr zum Verdruss der Apotheker, die die Konkurrenz witterten und polterten, dass ihnen allein das Monopol des Tabakhandels zustünde. Eine heftige Auseinandersetzung ist z.B. aus dem Naumburger Land verbrieft. Dort entwickelte sich im Jahr 1688 ein richtiger, kleiner Handelskrieg zwischen den Apothekern und den uneinsichtigen Krämern. Zu einer Entscheidung kam es nicht. Den Kunden konnte es recht sein. Wurden doch durch Bruch des „Apotheker-Monopols“ die Blätter des Tabakkrautes erschwinglicher, da mancher Krämer versuchte, den Apothekern Kunden abzuluchsen, in dem er das Rauchkraut deutlich günstiger anbot.

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Die „Tabakecke“ in einem Krämerladen .Heute zu bewundern im Museum Leuwaarden.

Doch, nicht nur der Handel mit Tabak entwickelte sich. Die Verarbeitungsformen und Behandlungsmethoden des Tabaks machten ebenfalls große Fortschritte. Besonders, seit Tabake auch in Europa angebaut wurden. Es entstand das Handwerk der Tabakverarbeitung, der Tabak-Spinnerei. Bevor es zur Verbreitung geschnittener und gepresster Tabake kam, war es nämlich üblich, die Tabakblätter mit Hilfe von Spinnrädern zu daumendicken Zöpfen zu verspinnen, die dann als Stangen oder auch in Brezelform den Weg zum Kunden fanden.

Mehr und mehr Tabakspinnereien gründeten sich. An Orten, wo sich besonders viele von ihnen angesiedelt hatten, kam es zur Gründung von Innungen, so 1657 in Hanau und 1687 in Berlin.

Es lag nahe, dass die Tabake auch dort verkauft wurden, wo man sie herstellte und so ging der Tabakvertrieb nach und nach nahezu gänzlich in die Hände der Tabakspinner und ihrer Innungen über. Nicht ohne heftigsten Widerstand der Krämer-Verbände. Es kam zu langjährigen Streitigkeiten und Prozessen, an deren Ende sich letztlich die Tabakspinner durchsetzten.

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Zeitgenössische Darstellung der Tabakspinnerei.

Doch, bald schon sorgte ein besonderer Umstand für eine weitere Entwicklungsstufe, hin zum Fachgeschäft.  Es kamen, nach und nach, auch ausländische Tabakerzeugnisse auf den Markt und mit der Zeit bemerkten die Tabakspinner, dass der Handel mit den Import-Kräutern einfacher und lukrativer war, als das eigene Handwerk. Zum Ende des 18. Jahrhunderts stellten daher viele Tabakspinner ihre Produktion ein und verlegten sich auf den Handel mit diesen Tabaken.

Der Verkauf von Tabak und Pfeifen boomte und so entschlossen sich auch viele Kolonialwarenhändler umzusatteln und sich zu spezialisieren. Pfeifendrechler und Tonpfeifenbäcker, die bislang neben ihren Pfeifen auch Tabake verkauften, forcierten dies und nicht selten wurde daraus ein Geschäftsbetrieb, der dem heutigen Fachhandel schon recht nahe kam.

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Eine Werbefigur aus Holz. Oftmals waren es Indianer-Statuen, die auf Kolonialwarengeschäfte hinwiesen, in denen Pfeifen, Zigarren und Tabak verkauft wurden.

Ebenfalls Einfluss auf dem Weg zum eigentlichen Fachhandel durften die „Tabagien“ gehabt haben. Unter einer „Tabagie“ verstand man eine Gastwirtschaft, in der man sich zum Schmauch bei einem Gläschen traf. Es war ja bis ins 19.Jahrhundert  verboten, in der Öffentlichkeit zu rauchen und so suchte man, für den Genuss und zur Geselligkeit, solche Tabagien auf, in denen auch Pfeifen mit auswechselbaren Mundstücken zu leihen und Tonpfeifen zu kaufen waren.

Aus einer Vermischung dieser beschriebenen Geschäftsformen und neuen Ideen kristallisierte sich immer mehr der reine Tabakwarenhandel als Geschäftsform heraus. Die Branche wuchs rasant .Verzeichnete man im Jahr 1875 in Deutschland immerhin schon 6200 Fachgeschäfte zum Tabak-und Pfeifenkauf, so waren es zwanzig Jahre später, 1895, schon doppelt so viele…rund 12000 Stück.

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So und ähnlich sahen die ersten Tabakwaren-Fachgeschäfte aus, die nach und nach das Strassenbild bereicherten.

Sehr eigen entwickelten sich die Tabak-Verkaufsstellen allerdings in Österreich und das ist einer, eigentlich gut gemeinten und sozialen Idee des Kaisers Josef des Zweiten geschuldet. Er schrieb seinem Kanzler, dem Grafen Kolowrat, am 10. April 1784 die Empfehlung, die Tabak-Trafikanten doch vornehmlich aus den Reihen der Militärinvaliden und Soldatenwitwen zu nehmen. Die Bezeichnung „Trafik“ entwickelte sich übrigens aus dem arabischen Wort „tafriq“, was so viel wie „verteilen“ bedeutet. So wurde es dann auch gehandhabt. Damit nicht irgendwann der freie Handel die kaiserliche Idee überholte, kam es zusätzlich zu einem Tabakhandels-Monopol für den österreichischen Staat. Das hält sich bis heute, was vermuten lässt, dass die österreichischen Pfeifenfreunde den guten Kaiser Josef nicht unbedingt ins Nachtgebet einschließen.

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Der spröde und korrekte Charme eines Tabakwaren-Fachgeschäfts in den frühen Nachkriegsjahren.

 

Im Verlaufe des 20. Jahrhunderts gelangten dann weltweit die reinen Fachgeschäfte für den Freund des Rauchgenusses zu voller Blüte. Es entstanden wahre Paläste für den Tabak-und Pfeifenliebhaber.  Geschäfte, wie Dunhill in London, Savinelli in Mailand oder Larsen in Kopenhagen bekamen regelrechten Kultstatus und wurden über alle Grenzen hinweg zur Legende, zum Inbegriff der Rauchkultur. Das war sie wohl, die hohe Zeit des Fachgeschäfts. Mit einem sarkastischen Lächeln kann man feststellen, dass sich das Rad der Entwicklung im 21.Jahrhundert wieder zurückzudrehen scheint. An vielen öffentlichen Plätzen wurde und wird das Rauchen wieder verboten und in einzelnen, europäischen Ländern ist der Tabak auf dem Rückweg in die Apotheke.

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Die 60er, 70er und 80er Jahre wiesen sicherlich die prachtvollsten Tabak-Fachgeschäfte auf, wie hier Larsen in Kopenhagen.

Tagtäglich erwarten der Handel und die Raucher ängstlich weitere Repressalien, hoffend darauf, dass nicht auch die letzten Reste der Rauchkultur von puritanischen Gesundheits-Fundamentalisten hinweg gefegt werden. Wo wir schon beim Rückwärtsgang sind…ich wünsche uns nicht die freundliche Gelassenheit, abzuwarten, was uns noch droht. Ich wünsche uns ein wenig des Geistes vom 19. März des Jahres 1848. In diesem Sinne.

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Noch gibt es sie, die Oasen des Rauchgenusses…wie hier OLD MORRIS in Victoria/ Canada

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