PERIQUE- Das beinahe ausgestorbene Wunderkraut

Um die Wurzeln des Perique zu finden, müssen wir in der Zeit ein gutes Stück zurück gehen. Schon weit vor Columbus`Landung an amerikanischen Küsten perfektionierte der Stamm der Choctaws, der seinerzeit in der Gegend der heutigen Staaten Alabama, Mississippi und Louisiana lebte, eine besondere Form von Würztabak.

Man presste die Blätter mit hohem Druck und langen Stangen in hohle Baumstümpfe, beschwerte sie mit großen Steinen und ließ so den Tabak zwangsgären, ohne das er mit der Luft in Berührung kam.

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Ein Choctaw-Dorf zur Zeit der kanadischen Einwanderung

Mitte des 17.Jahrhunderts besiedelten die, aus Kanada vertriebenen, Acadianer dieses Gebiet. Diese französisch sprechenden Kanadier aus den Provinzen Nova Scotia, Neu-Brunswick und Terre Neuve prägten ihre Siedlungsgebiete durch die spezielle und eigene Kultur und tun das noch heute, wo man sie allgemein als „Cajuns“ kennt und bezeichnet. Der Stamm der Choctaws galt schon seinerzeit als aufgeschlossen und hilfsbereit. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sie die ersten Acadianer in die Geheimnisse ihrer Tabakverarbeitung einweihten. Besonders interessiert zeigte sich um 1820 ein Einwanderer namens Pierre Chenet. Im verdankt der Perique letztlich auch seinen Namen. „Perique“ ist in Cajun-Sprache das Wort für „Stich“. Die Historie ist sich nun nicht ganz einig, ob der Name durch Clenets Spitznamen ( man nannte ihn Perique, als Verballhornung des Namens Pierre) entstand oder etwas anzügliche Gründe hatte. Die Form der zusammen gebundenen Blätter ähnelt einer sehr spitzen Mohrrübe…was Männer in Gedanken auch schnell ins Phallische übertragen.

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Der Tabakanbau in St.James Parish um 1880

Um 1824 begann Pierre Clenet jedenfalls mit der Perique-Produktion. Dazu verwendete er Tabake , die in St.James Parish am Mississippi angebaut wurden. Dort, im „Magnolia“ genannten, dunklen und sehr fruchtbaren Schwemmlandboden, der von den Sümpfen genährt wird, gedeiht rund um Paulina ein besonderer Tabak. Das das der einzige Tabak sei, der zur Perique-Fertigung tauge, ist eine von vielen Räubergeschichten, die sich in den Jahrzehnten um den Perique rankten. Dazu komme ich aber später noch. Der Perique fand in der Pfeifentabakproduktion rasch Anklang und die Nachfrage stieg kontinuierlich. Sein Aroma nach Pfeffer und Feigen machte ihn bei den Rauchern schnell beliebt. Zudem hat der Perique bis heute die angenehme Eigenschaft, allzu harsche Virginias „zähmen“ zu können.

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Der Tabakansatz reift abgeschlossen von Luft und unter hohem Druck in Fässern. Schön zu sehen, auf welch`pragmatische Art der nötige Druck erzeugt wird.

Dadurch, dass er einen sauren PH-Wert hat, ist er in der Lage, den häufigen „Zungenbiss“ des alkalischen Virginias zu neutralisieren. Bis zum zweiten Weltkrieg florierte das Geschäft und etliche Tabakbauern hatten durch den Perique ein gutes Auskommen. Nach dem Krieg aber begann der Siegeszug der Zigarette, in der der Perique lange keine Verwendung fand und der Verbrauch an Pfeifentabaken ging nach und nach zurück. Als dann noch der Hang der Pfeifenraucherschaft zu süß aromatisierten, leichten Mischungen stieg, war das der Anfang vom Untergang dieses, einstmals so erfolgreichen Bereichs an Würztabaken. Recht laut wurde der Schwanengesang in den neunziger Jahren, wo viele Fachleute das Ende der Perique-Produktion schon gekommen sahen.

Selbst die Familie Martin, sehr bekannt und erfahren im Perique-Anbau stand 1998 vor dem Aus. Dies war der Zeitpunkt, an dem sich die Legende des „Perique-Retters“ Mike Little entwickelte. Der heutige Präsident der „Santa Fe Natural Tobacco Company“ bekam zu dieser Zeit den ersten Perique aus St.Parish auf den Tisch. Seine Idee, eine seiner „American Spirit“-Zigaretten mit dem Würztabak zu versetzen, erschien wie die rettende Lösung. Das Produkt lief gut, die Martins produzierten weiter und speziell die Pfeifentabak-Produzenten atmeten ob des gesicherten Nachschubs merklich auf. Doch, weit gefehlt. Mike Little verpflichtete die Martins, die gesamte Ernte an „Santa Fe“ abzutreten. Nicht zuletzt, um Nachahmer von der Fertigung eines Konkurrenz-Produktes abzuhalten. Den Martins und Mike Little`s „American Spirit“ ging es damit gut. Die Perique-Tradition starb trotzdem weiter. 2005 war es dann endgültig soweit.

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So sieht der Tabak nach der Fermentation aus.

Die Besitzer von L.A. Poche, dem letzten freien Perique-Produzenten kauften keine Tabake mehr zur Weiterverarbeitung, verkauften ihren Tabakbestand und standen unmittelbar vor der Schließung. Wer nun glaubte, dass Firmen, wie Mc Clelland, Cornell & Diehl oder gar europäische Großfirmen stützend eingreifen würden, sah sich übel getäuscht. Es war Mark Ryan von „Daughters & Ryan“, der den Verlust für seine Mischungen nicht hinnehmen wollte und sich ein Herz fasste. Mitte 2005 kaufte er den Betrieb von L.A.Poche …und fand ein Trümmerfeld vor. Die gesamte Ernte des Vorjahres bereits verkauft, nur 70 schlecht gewartete Maschinen in Hallen, deren Dächer undicht waren und deren Isolation nur noch aus Stückwerk bestand.

Ein langer, enthusiastischer Kampf begann. Ryan baute eine 20.000 qm große Halle zur Lagerung, kaufte kleine Mengen Tabak, um noch im gleichen Jahr etwas produzieren zu können, schaffte 300 Maschinen an und führte endlose „Frühstücksgespräche“ um 5 Uhr morgens mit den Tabakbauern der Gegend. Als dann heraus kam, dass Ryan die Tabake für den Perique mit Fremdkäufen aus anderen Gegenden ergänzte, begann der „Kreuzzug der Klugscheißer“, die ihm unlautere Machenschaften und eine Verwässerung des „heiligen Reinheitsgebots“ vorwarfen. Ryan war dann der Erste, der mit den alten Legenden aufräumte, nach denen in der Vergangenheit nur Tabake aus dem St.Parish-Gebiet Verwendung  fanden.

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Dies ist Mark Ryan, den man in Pfeifenkreisen getrost als den „Retter des Perique“ bezeichnen darf.

Kentucky Green River Burley ist die Tabaksorte, die die meisten Pfeifenraucher, auch die älteren Semester, als Perique kennen. Er fand und findet Verwendung in solch` berühmten Tabakmarken, wie Escudo, Kingfisher, Dunbar, Elisabethian Mixture, St.James Woods oder Haddo`s Delight. Das Anbaugebiet von St.Parish ist von jeher sehr klein, so, dass zu allen Zeiten die dort produzierten Rohtabake durch Zukäufe aus anderen Regionen ergänzt wurden. Es gab nur ganz selten Jahrgänge, in denen das St.Parish-Blatt „unter sich“blieb.

Die welken Tabakblätter werden zwei Wochen an der Luft getrocknet, dann entrippt und zu spitzen Bündeln, den sogenannten „Torquettes“ zusammengefasst. Diese werden dann unter großem Druck in Fässer gefüllt und können dort im Eigensaft und unter Zusatz von Aromen reifen. Im Laufe einiger Monate werden die Fässer immer wieder geöffnet, die Bündel umgeschichtet, neu gepresst und wieder verschlossen. So fermentiert der Tabak ohne Luft und erhält seinen typisch pfeffrig-fruchtigen, kräftigen Geschmack.

Mark Ryan sorgt also dafür, dass die über 400 Jahre andauernde Erfolgsgeschichte dieser Delikatesse eine Fortsetzung findet. An dieser Stelle von mir, einem bekennenden Perique-Liebhaber, herzlichen Dank dafür. Vielleicht denken auch Sie daran, wenn Sie die nächste Füllung unter Beteiligung des fruchtigen Wunderkrauts geniessen…und bitte, vergessen Sie mir dabei den Stamm der Choctaws nicht. Sie sind schließlich auf diese, etwas verrückte, aber geniale Idee gekommen.

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