LOEWE- Der Bruyere-Pionier der Londoner Upperclass

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Im Jahr 1856 eröffnete Emil Loewe mitten in London, am Haymarket 58, ein Pfeifengeschäft mit angeschlossener Werkstatt und Pfeifenfertigung.

Was zunächst wie eine ganz normale Meldung anmutet, versetzte die konservative Gesellschaft Londons in erhebliche Unruhe.

Loewe war Franzose und kürzlich erst nach England gekommen. Sollte sich die Londoner Gesellschaft nun von einem Franzosen zeigen lassen, welche Pfeifen man rauchen sollte? Noch dazu fertigte dieser Mensch Pfeifen aus Bruyere, jenem, bis dahin völlig unbekannten und neuen Holz. Das konnte nichts werden und viele „Fachleute“ sagten dem Geschäft ein baldiges Ende voraus.

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Nun, wie wir wissen, kam es nicht so. Der Stachel bei den Engländern saß tief und tut das bis heute. Noch in jüngeren Artikeln wird darum gestritten, ob eben dieser Emil Loewe tatsächlich der Erste war, der auf Londoner Boden Pfeifen aus Bruyere anbot. Es gibt die halsstarrige Behauptung, dass Barling älter sei, da das Unternehmen schon 1851 einen Preis für seine Pfeifen erhielt. Diesen Preis gab es aber für eine Sterlingsilber-Montage an einer Meerschaumpfeife.

Objektiv gesehen darf es also als sicher gelten, dass Loewe die älteste, der berühmten Londoner Bruyere-Manufakturen ist. Comoy, als Beispiel, eröffnete seine Firma erst in den 1870er Jahren.

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So warb der Handel, engagiert und selbstbewusst, mit Loewes Topqualität.

Von Beginn an achtete Loewe extrem genau darauf, welches Holz er bekam und wie die Lagerung auszusehen hatte . Er stellte nur die besten Leute ein, schaffte die neuesten und präzisesten Werkzeuge an- kurz, er überließ den Erfolg seiner Pfeifen nicht dem Zufall. Nachdem zunächst vor allem einige, einflussreiche Gentlemen aus dem Theaterviertel auf seine Pfeifen aufmerksam wurden, stellte sich der gewünschte Erfolg auch rasch und nachhaltig ein.

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Loewes Geschäft am Haymarket

In den folgenden Jahrzehnten gelang es, das Unternehmen konsequent zu einer festen Größe des britischen Pipe-Empire auszubauen. Loewe achtete darauf, nicht nur Pfeifen für die Upperclass anzubieten, sondern auch dem weniger vermögenden Gentleman gute Qualität zu vertretbarem Preis anzubieten. Loewes waren nach verschiedenen Serien und unterschiedlichen Graduierungen sortiert. So war das Angebot vielschichtig, aber trotzdem übersichtlich.

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Silbermontur an einer Loewe,produziert um die Wende zum 20.Jahrhunderts.

Wer allerdings heute glaubt, Loewe-Pfeifen anhand der Stempelungen ähnlich gut im Alter bestimmen zu können, wie es beispielsweise bei Dunhills möglich ist, sieht sich getäuscht. Bei den Bruyeres ohne Silbermontur ist eine Altersbestimmung nur schwer möglich. Einzelne Spezialisten haben sich zwar in den letzten Jahrzehnten an einer Entschlüsselung versucht, das Ganze gleicht aber mehr einem wissenschaftlichen Projekt. Da trifft es sich gut, dass Loewe viele Modelle auch mit Silberringen und –monturen anbot und diese Modelle bei der Kundschaft auch am beliebtesten waren. Anhand der auf dem Silber befindlichen Hallmarks (kleine Stempelungen) gelingt die Zuordnung oft zuverlässiger.

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Doppelte Zeitungsanzeige mit zwei wunderschönen Loewe-Modellen und dem passenden Tabak

Zu den beliebten Pfeifen kam auch eine passende Tabakserie und somit war man gut aufgestellt und bestand bereits 58 Jahre, als der erste Weltkrieg die Welt ins Chaos stürzte. Für viele kleine und große Unternehmen war dieses einschneidende Ereignis das Ende, weil sie nach dem Krieg nicht wieder in den, nun stark veränderten Markt fanden. Nicht so Loewe. In den 20er und 30er Jahren kamen viele, neue Modelle hinzu, die internationale Anerkennung wuchs massiv und man heimste Preise und Auszeichnungen ein. Das Geschäft florierte.

HIER MAL EIN BLICK AUF VERSCHIEDENE MODELLE UND DIE GROSSZÜGIGE GARANTIE DER „PRE-CADOGAN-ÄRA“.

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Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges änderte sich das allerdings, weil auch der Markt grundlegenden Wandlungen unterworfen war. Die zunehmende Konkurrenz aus dem Ausland, die erstarkende Cigarre und die, durch die Amerikaner immer stärker Verbreitung findende Cigarette machten die Marktsituation unruhiger, schwieriger und gedrängter. Das führte letztlich dazu, dass sich die englischen Firmen unter dem Dach der Cadogan-Gruppe immer näher zusammen fanden.

 

1964 kam dann das Aus für die Selbstständigkeit der Firma Loewe. Man wurde von Civic übernommen, einer Firma, die zwar ebenfalls eine lange Tradition hatte, 1977 aber selbst von  Cadogan geschluckt wurde. Was zunächst als eine Art Hersteller-Genossenschaft gedacht war, entwickelte sich zu einem Großunternehmen, das nach und nach die Traditionshersteller übernahm und ihnen ihre Eigenständigkeit raubte. Was dann bei Cadogan mit den Jahren an Marken-und Marktchaos entstand, ist einerseits einen schmunzelnden, ungläubigen Blick wert, macht aber die Nachverfolgung der Loewe-Pfeifen quasi unmöglich.

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Ein Modell aus den späten 60er Jahren

Aus dem Jahr 1979 stammte eine Meldung, die besagte, dass Loewe 1977 aufgelöst worden sei. Angeblich sollten aber die Loewe-Pfeifen als „High Grade GBD`s“ weiter produziert werden. Das kann aber nicht stimmen, sind doch Loewes aufgetaucht, die nachweislich in den Jahren 1977 und 1978 unter dem Namen produziert wurden. Sollte es tatsächlich den Plan gegeben haben, Loewe und GBD nach 1979 zusammenzufassen, so ist es (warum auch immer) dazu nie gekommen. Bis 1980 ließ Cadogan die Pfeifen der verschiedenen Marken in unterschiedlichen, englischen Werken fertigen. 1980 kaufte man aber Orlik dazu und da Orlik über eine moderne Pfeifenfabrik in Southend-on-Sea verfügte, verlegte Cadogan die gesamte Produktion dorthin. Angeblich auch die Produktion der Loewes. Darum ist es umso verwirrender, dass Anfang der 80er Jahre (1981-1984) Loewe-Pfeifen auftauchten, die laut Stempel in Frankreich hergestellt wurden. Um die Verwirrung komplett zu machen, wurden ursprünglich für die Loewe-Marke hergestellte Shapes in den Folgejahren auch als Comoys verkauft.

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Sechser-Set verschiedener „Silver Mounted“, im originalen Präsentationskasten. Heute Prunkstück eines US-Sammlers.

Bis heute sind wirklich nervenstarke Pfeifenfans dabei, dieses Knotenwerk zu entwirren. Ob das jemals gelingt, steht aber in den Sternen. Das Verwirrspiel findet ja bis heute Fortsetzung. Laut Aussage von Cadogan wurde die Marke Loewe erst 1989 formell eingestellt. Wer jetzt aber glaubt, es gäbe in jüngerer Zeit keine Pfeifen mit dem Loewe-Schriftzug mehr, sieht sich getäuscht. Vereinzelt tauchten in den vergangenen Jahren noch Serien auf…und obwohl sie längst in Southend-on-Sea produziert wurden, trugen sie nach wie vor den Zusatz „Made in London“. Machen Sie, lieber geneigter Leser, sich bitte selbst einen Reim darauf.

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Ein edles Twin-Set der frühen Jahre. Im Besitz des gleichen Sammlers.

Für die Fans „richtiger“, englischer Pfeifen zählt die Zeit ab dem Cadogan-Zusammenschluß aber eh`nicht mehr. Sie suchen vor allem Loewes von der Anfangszeit bis in die 40er Jahre. Je nach Zustand der Pfeifen kann das ein teures Vergnügen werden. Gerade die gesuchten Loewes mit den Silbermonturen sind gefragte Stücke. Wenn es gar noch Exemplare im eigenen Schmucketui sind oder sogenannte „Twin-Sets“, also zwei ähnliche Modelle in gemeinsamer Schatulle, können die Preise leicht Schwindel erregen. Allerdings sind Experten sich einig, dass die früheren Loewes es in der Tat mit der Qualität der Dunhills aus dieser Zeit aufnehmen können. Die Holzqualität, so sagt man, sei zum Teil sogar besser. Wer versuchen möchte, für kleinere Münze an eine Pfeife der Loewe-Qualität und –tradition zu kommen, sollte sich auf die Suche nach Exemplaren mit dem „Haymarket“-Stempel begeben. Das war die Zweitmarke von Loewe, die über etliche Jahrzehnte ebenfalls gefertigt wurde.

Eine solch`lange und verzweigte Geschichte seiner Marke hätte sich Emil Loewe sicher nicht träumen lassen, als er 1856 sein Geschäft im Londoner Haymarket bezog. Allen damaligen Unkenrufen zum Trotz gehört Loewe bis heute bei den Fans englischer Klassik zu den „Upperclass“-Marken- völlig verdient, wie ich finde !

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