DIE PFEIFEN DES MR. HOLMES Versuch einer Klärung

Unbenannt

 

Sir Arthur Ignatius Conan Doyle war selbst eine derart besondere Persönlichkeit, dass sich über ihn gut ein Buch schreiben ließe. Thema soll hier aber ein Teil der Bücher sein, die der Arzt, Journalist und Autor Doyle selbst geschrieben hat. Doyle war sehr vielseitig interessiert und hat zu unterschiedlichsten Themen Romane, Abhandlungen und Essays geschrieben…über Jahrzehnte hinweg und immer neben seiner zweiten Leidenschaft, Arzt zu sein. Ob als Schiffsarzt auf Walfängern in der Arktis oder als Militärarzt im südafrikanischen Burenkrieg. Wie gesagt, ein ungewöhnlicher Mann und eine schillernder Charakter.

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Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930) bei der Bearbeitung eines Manuskriptes

Für uns von besonderem Interesse ist aber das Jahr 1887. In der Geschichte „A Study in Scarlet“ erblickte nämlich ein besonderer Detektiv das Licht der Welt: Sherlock Holmes. Holmes sollte, begleitet von seinem treuen Freund und Ratgeber Dr. Watson, bis 1893 zu einer Berühmtheit unter den Fans der Kriminalgeschichten werden. In diesem Jahr wurde er von eben diesem Dr.Watson für tot erklärt, nachdem Holmes in „The Final Problem“ im Kampf mit seinem Widersacher, Professor Moriaty, die Reichenbach-Wasserfälle in Meinigen in der Schweiz hinab stürzte und nicht gefunden wurde.

Sir Arthur Conan Doyle war seines Helden überdrüssig. Die Zeit, die er zum Verfassen der extrem nachgefragten Detektivgeschichten brauchte, wollte er lieber auf andere Projekte verwenden.

Holmes war aber nicht wirklich tot…oder sagen wir, er war nicht totzukriegen.

Um 1900 lernte Doyle Fletcher Robinson kennen, der gebürtig aus Dartmoor stammte und Doyle von den Gruselgeschichten über einen Hund erzählte, die in Robinsons Heimat sehr populär waren.

Das inspirierte Doyle zu einem Roman, in dem aber ein Detektiv dringend vonnöten war. So kehrte Sherlock Holmes im 1902 veröffentlichten Roman „The Hound Of The Baskervilles“ in die geheimnisvolle Bücherwelt zurück.

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Eine Tonpfeife von „John Pollock und Companie“. Übrigens ein ungerauchtes Original.

Schier endlos ist die Zahl an Büchern, Geschichten, Bildern und Filmen mit dem und über den scharfsinnigen Detektiv und intensiven Pfeifenraucher Sherlock Holmes. Gerade in der Pfeifenwelt kann er bis heute auf eine große Zahl an Fans bauen. Fans, die sich immer wieder die gleiche Frage stellen: Welche Pfeifen hat ihr Held denn nun geraucht? Versuchen wir einmal, einer Antwort näher zu kommen.

Die Calabash war es sicher nicht. Die wurde erst 1898 von heimkehrenden Soldaten aus dem Burenkrieg mit nach England gebracht. Warum aber sieht man so häufig Abbildungen des „Meisters“, auf denen er gerade solch ein Exemplar im Mund oder in den Händen hält? Schuld ist ein gewisser William Gilette. Ein äußerst egozentrischer, aber erfolgreicher Bühnenschauspieler, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Figur des Sherlock Holmes als Erster auf den Theaterbrettern verkörperte.

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Eine Peterson des Jahres 1899. Ob sie wohl aus dem Besitz von Sherlock Holmes stammt?

Um 1900 war die Calabash in London der letzte Schrei und zudem, ob ihrer Größe, vom Theaterpublikum auch in den hinteren Reihen gut zu erkennen. Daher griff Gilette zur Calabash und das Bild sollte sich einprägen.

Vermutlich waren es eher Tonpfeifen, denen der Meister zusprach. Zu seiner „Lebenszeit“ fanden diese in London viel Zuspruch, bekannte englische Hersteller, wie John Pollock and Companie, verkauften ihre Produkte in Geschäften gehobener Kategorien. Zum Beispiel bei „Sullivan Powell and Co.Ltd.“, bei denen auch Holmes und Watson zu den Kunden zählten. Diese Tonpfeifen finden in den Erzählungen oft Erwähnung, seltsam ist nur, dass dort immer von „schwarzen Pfeifen“ die Rede ist.

Wer eine Tonpfeife oft und gut raucht, wird feststellen, dass sie eher sattbraun wird und einen schmalen, schwarzen,verbrannten Rand am Kopf bekommt. Schwarz verfärbt sich Ton nicht, allerdings gab es schon damals schwarze Tonpfeifen zu kaufen. Man färbte sie durch die Verwendung von Holzspänen beim Einbrennen. Waren es diese Pfeifen, die Holmes bevorzugt rauchte?

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Eine Originalausgabe des „The Strand Magazine“, in dem die Kurzgeschichten zu Holmes Abenteuern veröffentlicht wurden. Gekrönt mit einer Pfeife, die dem Meister gefallen hätte.

Es kann aber auch durchaus sein, dass sich Dr.Watson bei der Beschreibung der Abenteuer seines verehrten Helden einer gewissen, dichterischen Freiheit bediente und fand, dass eine schwarze Pfeife seinem Helden deutlich besser stünde, als ein Exemplar in schmutzigem Braun.

Eine weitere Theorie wäre, dass Watson sich schlicht geirrt hat und die beschriebene, schwarze und ölig glänzende Pfeife eine dunkel gebeizte Bruyere-Pfeife war. Deren frühe Formen orientierten sich häufig an der klassischen Tonpfeife, eine Verwechslung wäre also durchaus möglich.

Natürlich darf man davon ausgehen, dass der berühmte Scharfgeist eine ordentliche Sammlung von Bruyere-Pfeifen hatte. Zwar werden, außer in „The Man with the Twisted Lip“, nicht explizit Markennamen erwähnt, doch zu Holmes Zeit begann der Siegeszug des Bruyere und man darf annehmen, dass sich Holmes alsbald von der einfachen Handhabung und der Formenvielfalt der Bruyere-Pfeife überzeugen ließ.

Die Individualität der Pfeife war Holmes ausgesprochen wichtig. So erklärte er seinem Freund Watson in „The Yellow Face“: „Pfeifen können bisweilen außerordentlich interessant sein. Nichts zeugt mehr von Individualität- außer vielleicht Schnürsenkel  und Uhren.“  Im gleichen Roman offenbart Holmes seine Schwäche für Bernstein als Mundstückmaterial. Er schwärmt dort, gegenüber Watson, von „…schönen, alten Bruyere-Pfeifen mit einem langen Holm aus dem Material, das die Pfeifenhändler Bernstein nennen“ und teilt seinem Freund mit, dass „…die Echtheit des Bernsteins durch die eingeschlossene Fliege belegt“ würde. Gleichzeitig meldet Holmes aber Zweifel an und fragt sich, wie viele Leute in London wohl damit beschäftigt wären, falsche Fliegen in falschen Bernstein zu gießen.

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Noch ein wunderbares Stück aus der Epoche des Meisterdetektivs. Solch einer Pracht wäre sicher auch der sachliche Holmes erlegen.

Er muss eine Pfeife mit Bernstein-Mundstück besessen haben, denn in „The Priory School“ wird beschrieben, wie er mit dem „übelriechenden Bernstein seiner Pfeife“ auf eine Landkarte zeigt. Muss man daraus schließen, dass Holmes es mit der Pfeifenreinigung nicht so genau nahm, wie mit der Lösung seiner Fälle?

 

Man kann nur spekulieren, welche Pfeifenformen der Meister bevorzugt hat. Die einzigen Anhaltspunkte liefern die Zeichnungen, mit denen Sidney Paget seinerzeit die Holmes-Kurzgeschichten im „The Strand Magazine“ illustrierte. Hier sind bei Holmes und Watson vornehmlich Billards und Straights in Pot-oder Princeform zu sehen. Vermutlich werden die Herren aber auch Bents und Churchwardens besessen haben. Um eine Idee davon zu bekommen, welche Marken der Meisterdetektiv bevorzugt haben könnte, müssen wir Spekulation und Recherche ein wenig vermischen. Barling, Peterson und Comoy sind deswegen warscheinlich, weil sie zur damaligen Zeit die verbreitetsten Marken waren. Da Holmes oft Gast der Theater im West End Londons war, dürfte er aber auch Kunde bei Loewe, im Haymarket-District , gewesen sein. Sein Weg wird ihn wohl auch durch die Jermyn-Street geführt haben, wo Astley und Charatan mit Ladenlokalen ansässig waren. Das eine oder mehrere BBB`s in seinem Besitz waren, ist ebenfalls anzunehmen. Schließlich war BBB die älteste englische Marke und im Markt bereits bestens eingeführt. Wenig warscheinlich ist, dass Holmes über längere Zeit Dunhill geraucht haben könnte. Alfred Dunhill präsentierte seine ersten Pfeifen 1907, nur sieben Jahre vor Holmes` letztem Fall „The Last Bow“.

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Eine der phantastischen Zeichnungen von Sidney Paget, auf der Holmes`radikale Anzündmethode zu betrachten ist.

Im Umgang mit seinen Pfeifen und Tabaken war Sherlock Holmes eher…nun gut, nennen wir es „unorthodox“. So quarzte er „schwarzen Shag“, eine grobe, starke Tabaksorte, die er in einem persischen Pantoffel aufbewahrte, der am Kamin hing. Somit dürfte der Knaster gut durchgetrocknet gewesen sein. Seine Kirschholzpfeife, die vermutlich von Ropp in Frankreich stammte, entzündete er, in dem er ein glühendes Kohlestück an einer Zange über den Kopfrand hielt. Diese Methode sei hier nicht ausdrücklich empfohlen, sollen die Pfeifen dauerhaft ihre ursprüngliche Höhe und einen gepflegten Kopfrand behalten.

Sparsam war er auch, unser Held. So beschreibt Dr.Watson in „The Adventure of the Engineer`s Thumb“, wie Holmes seine Morgenpfeife mit den Tabakresten vom Vortag stopft, die er über Nacht am Kamin getrocknet hat. Zu feucht waren Holmes` Tabake wohl eher selten. Überhaupt lässt Dr. Watson keine Gelegenheit verstreichen, über den Zustand von Holmes` Pfeifen und seine generell nervende Unordnung zu granteln.

Noch einen Hinweis auf Holmes` bevorzugte Pfeifengröße liefert uns das „Dreipfeifenproblem“ aus „The Red Headed League“, wo es der Detektiv schafft, innerhalb von fünfzig Minuten drei Pfeifen zu rauchen. Das lässt darauf schließen, dass er für solche Zwecke kleine Tonpfeifen verwendet haben dürfte. Anderenfalls wäre es kaum möglich, eine Pfeife in etwa siebzehn Minuten zu rauchen.

Sherlock Holmes wäre ohne Pfeife nicht denkbar. In den Erzählungen liest man von Morgenpfeifen, Abendpfeifen und genüsslichen Füllungen für zwischendurch. So kann man davon ausgehen, dass er dem Tabak oft und gerne zugesprochen hat. In 54 von 60 Detektivgeschichten wird Pfeife geraucht. Das machte es natürlich notwendig, dass die Darsteller des Meisterdetektivs das in den Verfilmungen auch tun. Jedenfalls, bis der Druck der Political Correctness in jüngerer Zeit unseren Helden seines Pfeifengenusses beraubte und eigene, für mich sehr seltsame Änderungen am Charakter an sich vornahm.

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Die Sherlock Holmes-Reihen. Sie wurden für Peterson ein riesiger Erfolg.

Arthur Wontner, der in den dreißiger Jahren als Britanniens Verkörperung von Sherlock Holmes bekannt wurde, hatte mit der Pfeife keinerlei Problem, da er ihr auch im „richtigen Leben“ zusprach.

Basil Rathbone war privat eher Zigarettenraucher. Das offenbarte sich dem Zuschauer darin, dass Rathbone bisweilen recht nervös an der Pfeife paffte, was ihn als „Nichtpfeifenprofi“ entlarvte. Ähnliches galt für seinen Nachfolger Jeremy Brett, der auch eine gewisse Eingewöhnung brauchte, bis die Pfeife an ihm und für ihn keinen Fremdkörper mehr darstellte.

So sehen wir ihn vor uns, den scharfsinnigen und aufmerksamen Sherlock Holmes. Mit Deerstalker-Mütze, Inverness-Cape und Calabash-Pfeife. Gut, die Calabash können wir uns wegdenken- das ist ja nun geklärt. Doch auch die Mütze und das Cape können wir entfernen. Sie sind dem Meisterdetektiv vom oben erwähnten Illustrator Sidney Paget angedichtet worden. Holmes hat sie nie getragen.

Was übrig bleibt? Nun, ein kluger Geist, der der Pfeife als Genussmittel sehr zugetan war…und der viele Bösewichte zur Strecke brachte! …aber, nur in den Romanen, sagen Sie?

Ja, zweifeln Sie ernsthaft daran, dass Sherlock Holmes wirklich gelebt hat? Oh…das wäre dann ein Dreipfeifenproblem…

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Basil Rathbone (l.) und Nigel Bruce als Holmes und Watson. Für viele Fans die überzeugenste Besetzung.

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