VON BARI BIS FAABORG- Die wechselhafte Geschichte der Familie Nielsen

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Viggo Nielsen in seinen späten Jahren.

Viggo Nielsen wurde im Jahr 1927 geboren. Schon während der Schulzeit war für ihn klar, dass er Pfeifenmacher werden wollte. Noch im letzten Kriegsjahr, 1945, begann der damals 18-jährige in einer kleinen Fabrik seine eigenen Pfeifen zu entwerfen und zu fertigen und drei Jahre später gründete er die Pfeifenmanufaktur „Bari“. Da es im und kurz nach dem zweiten Weltkrieg in Dänemark kein Bruyereholz gab, bestanden die ersten Nielsen-Pfeifen aus heimischen Hölzern, die verfügbar waren. 1951 wurde dann zu Viggo Nielsens erstem entscheidenden Jahr. Ein paar Tage nach der Geburt seines ersten Sohnes Kai gelang es ihm auch, ein paar Säcke mit Bruyerekanteln zu erstehen. In dieser Zeit prägte vor allem Stanwell durch größere Absatzmengen den „neuen, dänischen“ Stil, den Viggo geschickt abzuwandeln wusste, um seine eigene Linie zu finden.

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Eine typische Bari Viking der frühen 70er Jahre. Viggos Hang zu eher größeren Pfeifen ist unverkennbar.

Allmählich gerieten auch seine „Bari“ in den Fokus der Pfeifenraucher. In den Folgejahren konnte er sich bereits an einem guten Absatz erfreuen und während sein zweiter Sohn Jørgen geboren wurde, arbeitete der ältere Sohn Kai bereits mit 10 Jahren auf „Taschengeldbasis“ in der Fabrik des Vaters mit , polierte Mundstücke und verrichtete Zuführungsarbeiten.1972 stieg Kai dann als Vollzeit-Pfeifenmacher bei Bari ein und sein jüngerer Bruder Jørgen folgte der Familientradition und begann nach seinem Schulabschluss ebenfalls eine Ausbildung zum Pfeifenmacher bei „Bari“.

Was sich zunächst liest, wie die harmonische Geschichte eines wachsenden Familienbetriebs, täuscht. Einmal wurden die Zeiten für Pfeifenmacher nicht rosiger, da die Nachfrage sank und die Zahl der Mitbewerber stieg. Zum Zweiten waren alle drei Nielsens recht eigene Köpfe, die mehr als einmal deftig aneinander gerieten. 1975 schieden beide Söhne bei Bari aus und eine Zusammenarbeit schien sich zunächst erledigt zu haben. Viggo Nielsen führte Bari allein weiter, nahm aber 1978 endgültig das Angebot der deutschen Tabakfirma von Eicken an und verkaufte „Bari“. Dort wurden fortan die Pfeifen von Age Bøgelund und Helmer Thomsen gefertigt und Viggo Nielsen schloss sich doch wieder mit seinen Söhnen zusammen.

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Klassische Billard von Viggo Nielsen, auch sie von kräftiger Statur und mit 9mm-Filterung.
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Doch auch ausgefallene Shapes waren immer wieder bei Viggo Nielsen zu finden. Oft in superber Holzqualität. Die Verarbeitung war stets über jeden Zweifel erhaben.

Man zog sich nach Faaborg, einer kleinen Stadt im Süden der Insel Fünen zurück und gründete dort „Faaborg Pipes“. Während Kai sehr intensiv die Fähigkeiten von Vater Viggo lernte, trug sich Jørgen schon bald mit dem Gedanken, sich auf eigene Beine zu stellen, um seine Vorstellung eines anderen Pfeifenstils umzusetzen. Die Märkte für handgemachte Pfeifen wurden zunehmend schwieriger, die Manufaktur war oft nicht in der Lage, drei Leute zu ernähren und so mussten Kai und Jørgen oft über längere Zeit branchenfremden Tätigkeiten nachgehen. Quasi parallel dazu versuchten die Brüder eigene Vertriebswege aufzubauen, um die sich vor allem Jørgen bemühte. Die verschiedenen Temperamente und Dickköpfe der drei Nielsens gestalteten eine Zusammenarbeit auch weiterhin schwierig . 1985 gründeten Kai und Jørgen dann eine eigene Firma in Tonder, an der deutschen Grenze. Unter dem Namen „Pibehuset“ arbeiteten die beiden sechs Jahre lang als Pfeifenmacher zusammen.

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Eine Jørgen Nielsen. Formensprache und Verarbeitung weisen auch sie klar als Pfeife der Nielsen-Familie aus.

Wenn man es diplomatisch ausdrücken will, kann man diese Zeit auch als „die wilden Jahre“ der Brüder bezeichnen. Es gab manche Schwierigkeit und auch ein paar Dinge, die im Auge des Gesetzes nicht unbedingt Wohlwollen erzeugten. 1991 war damit endgültig Schluss, man trennte sich. Jørgen ging fort, verließ für etliche Jahre die Welt der Pfeife und Kai kehrte zu seinem Vater Viggo nach Fünen zurück. Viggo darf immer noch als einer der Pfeifenmacher mit der längsten, aktiven Schaffenszeit gelten. Bis zu seinem Tod, im Jahr 2009, arbeitete er mit seinem Sohn Kai in der Werkstatt zusammen. Ein Ruhestand kam für ihn nicht in Frage und so brachte er es letztlich auf beinahe 60 Jahre Pfeifenmacherei.

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Viggo (r.)und Kai Nielsen auf einem Bild aus der Zeit, als sie gemeinsam in Faaborg Pfeifen bauten.

Nach seinem Tod übernahm Kai die Werkstatt und teilte sie seither lange Jahre mit seinem Freund aus den Zeiten der Bari-Fabrik, Karsten Tarp. Waren Viggos Pfeifen meist recht groß und hauptsächlich gefiltert, passte sich Kai im Stil den Märkten an. Zunächst gewannen seine Pfeifen in Deutschland entsprechendes Ansehen, dann wurde man in Japan auf ihn aufmerksam und nach seinem Besuch auf der Pipeshow Chicago wurde er auch in den USA beliebt  und bekannt. Andere Märkte erfordern andere Größen und Stile. So gibt es nach wie vor die großen Exemplare mit Filter, doch Kai baut seither auch zunehmend filterlos und für den asiatischen Markt auch deutlich zartere und kleinere Exemplare. Die vielen Jahre, in denen er in gleichbleibend guter Qualität seine Pfeifen fertigt, haben ihn zu einer, der absoluten Größen des dänischen Pfeifenbaus werden lassen. Selbst Pfeifenmacher, wie der große Kurt Balleby haben ihr Handwerk bei Kai gelernt.

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Eine „Jewel of Denmark“-Bent von Kai Nielsen.
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Ein jüngeres Bild von Kai Nielsen. Manchmal muss man schon genau hinschauen, um zu erkennen, dass es Kai und nicht sein Vater Viggo ist. Die Söhne können ihren Vater nicht leugnen. (Quelle: Synjeco)

Im nächsten Jahr wird Kai Nielsen 70 Jahre alt. Das scheint für ihn kein Grund zu sein, sich von der Pfeifenmacherei zurückzuziehen. Sein Bruder Jørgen hat ebenfalls zur Pfeifenfertigung zurück gefunden.

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Jørgen Nielsen heute…auch er konnte letztlich nicht ohne die Pfeifenmacherei sein.. (Quelle: Jørgen Nielsen)

So gibt es auch heute noch die Chance, eine der hochwertigen und  besonderen Nielsen-Pfeifen zu erstehen. Ob Viggo, Kai oder Jørgen…die Familie Nielsen gehört zu den ganz großen, dänischen Namen. Sie haben mit ihrem Stil die dänische Pfeife der Nachkriegszeit maßgeblich beeinflusst und Großartiges geleistet…auch, wenn es nicht immer einfach war.

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