BEWLAY PFEIFEN – Mysterium und Geheimtip

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Gut erhaltene Preisliste aus der Gründungszeit

Selbst bei den eingefleischtesten Liebhabern englischer Pfeifen ist die Marke BEWLAY ( sprich Bjula) nicht überall bekannt. Die aber, die den Namen kennen, wissen zumeist nur von den offiziellen Informationen, die noch nebulös und unklar genug sind. Was ist bekannt?

Gründer des Unternehmens ist Thomas Bewlay, das Gründungsjahr wird mit 1780 angegeben. Schon sehr imposant, wenn ein Unternehmen so eine lange und traditionsreiche Geschichte hat. Bewlay ließ seine Pfeifen bei Barling, Charatan und Loewe herstellen, was sie schon begehrenswert genug macht. Dazu kommt, dass es über lange Jahre Bewlays gab, die in Wirklichkeit zweite Qualitäten von Sasieni gewesen sein sollen. Spätestens an diesem Punkt tropft den Fans englischer Klassik der Zahn. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges,1937, wurde das Unternehmen von der Imperial Tobacco gekauft, die sich damit einen „Diamanten“ für ihr Portfolio sichern wollte.Soweit die Informationen, die man meist zu Bewlay findet.

Wer aber ernsthaft und gründlich recherchiert, stellt schnell fest, dass es sich dabei zwar um eine gute Geschichte handelt…aber nicht um die Wahrheit. Außerdem lernt man bei dieser Recherche schnell und gründlich, dass die „gute,alte Zeit“ keinen Deut besser war, als es die Gegenwart ist. Wenn Sie die wahre Geschichte der Firma Bewlay interessiert, lade ich Sie ein, mir als Detektiv zu folgen und das „Knäuel“ an Informationen aufzulösen…damit ein gerader Faden entsteht, an dem man die Geschicke des Hauses Bewlay auffädeln kann.

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Die Shapeliste, mit der seit Gründung des Unternehmens gearbeitet wurde.

Zunächst einmal ist es wichtig, zu wissen, dass im Jahre 1778 eine Familie aschkenasischer Juden in London eintraf. Die Famile Elkan hatte sich bis dahin in Holland und Norddeutschland bereits einen Namen als Cigarrenhändler gemacht. Das Datum der Ankunft in England war klug gewählt. Eigentlich gab es hohe Barrieren, um auf dem englischen Tabakmarkt Fuß fassen zu können. Barrieren, die auch mit hohen Kosten verbunden waren. Zu diesem Zeitpunkt gab es aber durch den amerikanischen Bürgerkrieg quasi keine Lieferungen nach England, was den Markt enorm verknappte. Die Elkans hatten ihre Rohwarenquellen und konnten liefern. Ein Grund für die englische Marktaufsicht, zumindest ein Auge fest zuzukneifen. Im Jahre 1780 eröffnete die Familie Elkan so ihr erstes Fachgeschäft für Cigarren, in 49 W.Strand, London.

Wechseln wir die Szene. Im gleichen Jahr soll Thomas Bewlay sein Tabakwarengeschäft in London ebenfalls eröffnet haben. Das fällt schwer, zu glauben…wurde Thomas Bewlay (1794-1852)doch erst vierzehn Jahre später geboren. Sein Vater hieß zwar auch Thomas, hat Nordengland aber nachweislich nie verlassen. Thomas Jr. wanderte vermutlich 1815 nach London aus und wird dort erst im Jahr 1819 als Tabakhändler erwähnt. Mit der Anschrift 49 W.Strand, London. Die gleiche Adresse, wie die Familie Elkan? Wie kann das sein? Nun, die Elkans beschlossen recht schnell, vom Einzelhandelsgeschäft in die Cigarrenproduktion und den Großhandel umzusteigen und gaben das Geschäft schon vor dem Wechsel ins 19.Jahrhundert an die Herren Ronson und Barrow ab. Diese wiederum verkauften 1819 an Thomas Bewlay, womit das erste Geheimnis um die Zusammenhänge geklärt ist.

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So warb man im Juli 1858 für die selbst gefertigten Haustabake-

Um 1850 herum kaufte dann Isaac Elkan das Geschäft von Thomas Bewlay, der es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr führen konnte. Das war der Startschuß für „BEWLAY & CO.“. Ziel war es, mehrere exclusive Geschäfte für Pfeifen, Cigarre und Tabak in London zu gründen. Die Zigarren bekam das Unternehmen aus der eigenen Produktion, die Haustabake produzierte man ebenfalls selbst und für die Pfeifen besorgte man sich Lieferanten.

Die Beziehungen knüpften sich rasch. 1875 eröffnete die Familie Elkan im Londoner Eastend eine weitere Cigarrenfabrik. Unmittelbar angrenzend befand sich der Stadtteil Whitechapel, in dem nahezu alle eingewanderten Juden wohnten. Die Wege zur Arbeit mussten kurz sein, da bei vielen Familien auch die Kinder in der Fabrik mitarbeiteten. So erfuhren auch die Sasienis und Mitglieder der Familie Loewe davon, die ebenfalls in Whitechapel daheim waren und man knüpfte Kontakte.

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Oben ein typisches Bewlay-Modell aus den 30er Jahren, darunter sind die Hallmarks des Unternehmens gut zu erkennen

 

Daher ist es durchaus möglich, dass die Bewlay-Pfeifen der folgenden Jahre bei Loewe, Barling und Co. gefertigt wurden. Als sicher kann es aber nicht gelten, da die Elkans durch den Cigarrenhandel auch gute Beziehungen nach Frankreich,Holland, Deutschland und Italien hatte. Zumindest ein Teil der Pfeifen könnte also auch durchaus in St.Claude oder Gavirate gefertigt worden sein. Die rein englische Lösung ist aber warscheinlicher. Das in den Jahren 1920-1923 die Bewlay-Pfeifen Zweitqualitäten von Sasieni waren, steht als Tatsache ebenfalls auf wackeligen Füßen. Es gibt diese Vermutung, weil sowohl die Sasienis, als auch die Bewlays dieser Zeit eine Aluminiumspirale im Holm tragen, die vermutlich der Rauchkühlung dienen sollte. Angeblich waren die Spiralen in beiden Pfeifenmarken identisch. Das beweist aber allenfalls, dass der Hersteller der Spiralen identisch ist. Die Patentrechte dieser Aluspirale lagen übrigens in den Händen der Familie Elkan.

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Diese Aluspirale zur vermeindlichen Rauchkühlung war ein Patent der Familie Elkan.

Wer nun auch immer die Bewlays herstellte, bei Kennern gelten sie bis heute als erstklassig und hochqualitativ gefertigt- und das zählt ja letztendlich. Durch ihre guten Qualitäten und ihren cleveren Geschäftssinn brachten es die Elkans bis 1937 zu dreizehn Filialen in ganz London. Allesamt im obersten Preissegment angesiedelt. Zum Zeitpunkt des Verkaufs an Imperial sei diese Kette das Filetstück des Londoner Tabakhandels gewesen…so wird jedenfalls berichtet. Die Wahrheit sieht auch hier wieder einmal ein ganzes Stück anders aus.

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Modelle aus der Zeit nach dem Neustart, im Jahre 1953

Schon im Jahr 1901 hatte es auf dem englischen Tabakmarkt einen Donnerschlag gegeben. Die American Tobacco Company streckte ihre Fühler aus und kaufte den Engländern eines ihrer Zugpferde, die Tabakfabrik Ogdens of Liverpool , einfach so weg. Das löste zunächst zügellose Panik im Königreich aus, man machte sich auf einen Tabakkrieg gefasst. Viele mittelständische Tabakfabriken sahen sich in ihrer Existenz bedroht. So kam es dazu, dass sich dreizehn Unternehmen zusammenschlossen und die IMPERIAL TOBACCO COMPANY (ITC) gründeten. So gestärkt erwarb man 1902 die Mehrheitsbeteiligung an Englands größtem Filialunternehmen, der Firma „Salmon & Gluckstein“, um deren Verkauf an die USA zu verhindern und den Markt in England besser kontrollieren zu können. Selbst, als sich herausstellte, dass es mit den Amerikanern eher zur Zusammenarbeit, als zum Krieg kommen würde, investierte ITC weiter. Damit nicht die Marktkontrollbehörde auf den Plan trat, um Monopolismus zu verhindern, kaufte die Comany 1927 eine weitere Tabakladenkette, die Finlay&Co., ließ darüber aber in der Öffentlichkeit kein Sterbenswörtchen verlauten.

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Eine „Rocky“ aus der Nachkriegszeit.

1937 dann wollte man auch den fetten, Londoner Fisch. Bewlay & Co. stand mit seinen 13 hochpreisigen Geschäften in bester Lage glänzend da und die ITC kaufte die Firma, um sich einen Diamanten in die Krone zu setzen. Zumindest dachte man das.Damit auch hier die Kontrollbehörden nicht auf den Plan gerufen wurden, trat nicht die ITC selbst als Käufer auf, sondern man ließ es so aussehen, als wenn „Salmon & Gluckstein“ die Käufer wären. Die dortige Geschäftleitung musste das Spiel mangels Einfluss mitspielen. Es klappte problemlos. Der zweite Weltkrieg machte aber einen fetten Strich durch diese Rechnung. 1940 war der Handelskrieg auf dem Atlantik soweit fortgeschritten, dass auf der Insel quasi nichts mehr an Cigarren ankam. Zudem sprach die englische Regierung ein Embargo gegen ausländische Cigarren aus. Das brachte die Bewlay-Filialen schnell in Schieflage, sie mussten ob ihrer hohen Mieten und mangelnder, zahlungskräftiger Kundschaft massiv subventioniert werden. Das Verbot der Cigarreneinfuhr wurde erst im Jahr 1953 aufgehoben. Zu diesem Zeitpunkt war Bewlay und Co. aufgrund der hohen  Subventionen der ITC quasi bankrott. Um den nahezu ausgestorbenen Einzelhandel wieder zu beleben, wurde Bewlay abgewickelt und Salmon & Gluckstein in „BEWLAY TOBACCONISTS LTD.“ umbenannt, um den guten Namen von Bewlay weiterhin nutzen zu können.

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Die BEWLAY LTD. war im ganzen Land gut aufgestellt, wie man sieht.

Zunächst versuchte die ITC an den Pfeifenbau-Traditionen von Bewlay festzuhalten und ließ bis Anfang der 60er Jahre auch noch die Modelle mit der Aluminiumspirale bauen. Deren Zeit war aber wohl vorbei, man musste sich auf neue Käuferschichten und einen veränderten Markt einstellen.

Die Pfeifen aus den Jahren und Jahrzehnten danach kann man als brauchbare bis gute Qualität einstufen. Allerdings wurde die Fertigungsqualität der früheren Vorkriegsmodelle nicht mehr erreicht. Wie anderenorts auch wurde rationelles Arbeiten immer wichtiger und auch die verwendeten Rohmaterialien mussten verstärkt nach wirtschaftlicheren Gesichtspunkten ausgesucht werden. Gefertigt wurden die Bewlay-Pfeifen nach dem Krieg vornehmlich in Unternehmen der späteren Cadogan-Gruppe.

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Die Bewlay-Filiale auf der Boar Lane in Leeds, 1973. Man beachte die, wegen der Sonneneinstrahlung herabgelassenen Jalousien.

Was bis zur Einstellung der Unternehmensgruppe in den 80er Jahren Bestand hatte, war der Shape-Katalog von Bewlay, den die ITC seinerzeit mit erworben hat. Wer heute das Glück hat, auf ein eher seltenes Exemplar mit Bewlay-Stempel zu treffen, kann in der Regel eine gut gefertigte Pfeife englischer Herkunft für recht günstigen Kurs erstehen. Das allerdings gilt nicht für Bewlay-Pfeifen der Vorkriegszeit. Die haben einen festen Liebhaberkreis, der um die Qualitäten dieser Pfeifen weiß und bereit ist, entsprechende Summen für gut erhaltene Exemplare zu zahlen.

Man sieht, dass es mit der „guten“ alten Zeit in vielen Fällen auch nicht so weit her war. Die Geschichte der Marke Bewlay zeigt klar, dass sich die Vorgehensweisen der Vergangenheit nicht sehr von denen, der Gegenwart unterscheiden. Allenfalls der nostalgische Blick auf vergangene Zeiten lässt uns etwas milde lächeln. Unsere detektivische Zusammenarbeit im „Fall Bewley“ endet hier, liebe Leser. Ich hoffe, es war für Sie ebenso unterhaltsam, wie für mich. Vielleicht kann ja beim nächsten Fall wieder auf Sie zählen…

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Typisches Modell aus den späten 70er Jahren. Immer noch gut, aber doch dem allgemeinen Fertigungsstandard angepasst.

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