Luigi Cugnola-der Mann, der Gigi ist

Als der kleine Luigi Cugnola 1934 in Gavirate das Licht der Welt erblickte, konnte er noch nicht wissen, dass im gleichen Jahr und ganz in seiner Nähe etwas geschah, dass Luigis ganzes Leben prägen sollte.

Am 21.11.1934 wurde die Gründungsurkunde für das Unternehmen Giorgio Rovera unterschrieben. Ziel des Unternehmens war die Fertigung von Bruyere-Pfeifen. Dazu muss man sagen, dass der Name Rovera seinerzeit rund um Gavirate in der Pfeifenproduktion sehr häufig war. Alle Roveras gehörten einer Familienlinie an, einige gründeten Pfeifenfirmen, von denen ein paar wenige noch heute existieren. In diesem speziellen Fall aber lag es anders. Die Firma trug zwar vierzig Jahre lang diesen Namen, Giorgio Rovera ist dort aber nie in Erscheinung getreten. Die Geschäftsleitung bestand aus dem Onkel des kleinen Luigi, Angelo Bianchi und Luigis Mutter, Adele Bianchi, die beide Roveras Partner waren

.Die Firma fertigte Pfeifen im Auftrag anderer Hersteller. Von einem Dutzend bis zu mehreren Hundert pro Auftrag. Rovera fertigte, stempelte die Pfeifen mit dem Namen des Auftraggebers und lieferte die fertigen Pfeifen zu. Man wurde rasch angesehen und erfolgreich. Die gefertigten Pfeifen galten als hochwertig, die Auftragsbücher waren voll und zwölf Pfeifenmacher fanden bei Rovera ein gutes Auskommen. Angelo Bianchi aber scheint ein seltsamer Mensch gewesen zu sein. Er engagierte sich nebenbei intensiv in der Politik, was dazu führte, dass er auch Bürgermeister von Gavirate wurde. Während seine Mitarbeiter ihn als fairen und guten Chef bezeichneten, seine Geschäftspartner seine Verlässlichkeit und Ehrlichkeit lobten, war er aber als Bürgermeister recht unbeliebt. Aufgrund des zweiten Weltkrieges und der politischen Entwicklung in Italien musste Angelo Bianchi am Ende des Krieges in die Schweiz fliehen. Die Gründe waren und sind wohl nur Eingeweihten bekannt, doch die Wogen glätteten sich, Bianchi kehrte zurück und er und seine Schwägerin führten das Unternehmen erneut in die Erfolgsspur.

Oltrona al Lago. In dieser idyllischen Kleinstadt entstand das Werk von Rovera

Mittlerweile hatte Luigi Cugnola, den alle nur Gigi riefen, die Schule beendet und trat als junger Teenager ins Unternehmen ein. Man könnte sagen, dass er ein Studium begann. Bei Rovera arbeiteten erstklassige Pfeifenmacher, sowie Fachleute für Metallarbeiten und Ebonitverarbeitung, das Geschäft lief prächtig und Luigi konnte über Jahre und in Ruhe alle Fertigungsvorgänge und Tricks erlernen. Zusätzlich erfuhr er vom Onkel und der Mutter die wirtschaftlichen Kenntnisse, um eine Firma erfolgreich führen zu können.

Von erfolgreich konnte man tatsächlich sprechen. Zu Beginn der sechziger Jahre arbeiteten im Werk in Oltrona al Lago 160 Mitarbeiter, die pro Tag (!) bis zu 7000 Pfeifen fertigten. Vornehmlich in den klassischen, englischen Shapes, die seinerzeit am Markt noch die gefragtesten waren.

Doch Angelo Bianchi wollte mehr. Er war der Erste der versuchte, die Pfeifenfirmen rund um Gavirate und Barasso zu organisieren. Ihm schwebte eine „Pfeifenunion“ vor, um sich besser am Weltmarkt behaupten und gemeinsam mit Schwierigkeiten fertig werden zu können. Als schließlich die Idee Wirklichkeit zu werden schien, trafen sich alle Hersteller im Hotel „Jolly“ in Ascoli Piceno, um das historische Dokument zur Gründung der Union zu unterzeichnen. Wer allerdings die eigenbrötlerische Art italienischer Pfeifenmacher und –firmen kennt und um die kleinen und großen Unstimmigkeiten weiß, dem ist klar, dass dieses Dokument bereits ein paar Wochen später nichts als Altpapier war.

Verspielte Formen fand man bei Gigi nicht. Luigi Cugnola bevorzugte immer die sachlichen, klassischen Linien

Angelo Bianchis Umtriebigkeit war unglaublich und für seine Umgebung manchmal auch erschreckend. 1961 machte Bianchi Urlaub an der französischen Riviera und wurde Zeuge des dortigen Autobahnbaus. Erstaunt und entsetzt stellte er fest, dass dabei Tausende von Baumheidesträuchern komplett ausgerissen und achtlos beiseite geworfen wurden. Schon am nächsten Tag erhielt Gigi in Italien einen Anruf seines Onkels. Er möge schauen, dass er in Italien Sägen auftreiben könne und sich auf die Ankunft eines ganzen Konvois von Lastwagen vorbereiten. Angelo Bianchi hatte das Holz kurzerhand gekauft und startete seine eigene Sägemühle. Ein Schritt, den bis dahin niemand im Umkreis Varese gewagt hatte.

Es wurde eine Halle errichtet, Sägen aus der Toskana und Ligurien wurden gekauft und ein sechs Kubikmeter großer Kupferkessel installiert. Sieben Sägen liefen, doch das erste Jahr war eine Katastrophe. Die Lernprozesse waren umfangreich und schwere Fehler sorgten dafür, dass quasi die gesamte Produktion des ersten Jahres unbrauchbar war. Währenddessen kamen aber weiter Woche für Woche die LKW aus Frankreich, um Nachschub zu bringen. Aufgabe war keine Option, so arbeiteten sich Angelo und sein Neffe Gigi intensiv in die Materie ein, um bereits im Jahr darauf wirklich gute Rohlinge zu produzieren. Seltsam, aber durch die Querelen untereinander verständlich war, dass kein italienischer Kollege bei ihnen kaufte. Es gelang aber, dass Holz, das nicht in der eigenen Produktion gebraucht wurde, erfolgreich zu exportieren.

Der unverwechselbare Stempel der GIGI-Pfeifen

1963 überzeugte Gigi seinen Onkel davon, dass es nicht mehr ausreichte, seine Kunden ausschließlich per Post oder Telefon zu kennen und zu betreuen, wollte man den Auftragsstandard in schwieriger werdenden Zeiten erhalten. Mit dem Einverständnis des Onkels tankten Gigi und seine Frau den firmeneigenen Alfa Romeo und begaben sich auf eine umfangreiche Reise, quer durch Europa, bis hinauf nach Norwegen, um die Kunden persönlich kennenzulernen und zu betreuen. Die Monstertour zeigte Wirkung. Man konnte den Kundenstamm weiter ausbauen und festigen. 1964 starb Angelo Bianchi und Gigi blieb mit seiner Mutter als Unterstützung zurück. Die Geschäfte wurden Jahr für Jahr schwieriger und als Adele Bianchi sich 1978 aus dem Geschäft zurückzog, übernahm Gigi es in Alleinherrschaft, benannte das Unternehmen in GIGI PIPES um und plante zeitgerechte neue Wege.

Hier stehen viele Jahrzehnte italienischer Pfeifengeschichte zusammen. Gigi Cugnola (l.) und Enea Buzzi, der Seniorchef von BREBBIA, für den Gigi ebenfalls fertigte.

Er begriff rasch, dass gute Geschäfte nicht mehr über die Menge gemacht werden konnten. Seine Firma besaß aber das Knowhow und die Fachkräfte, um auch erstklassige Qualität in kleinerer Stückzahl fertigen zu können und das merkten die in Frage kommenden Interessenten schnell. Neben den eigenen Linien der Gigi Pipes, die von guter Mittelklasse bis zu hochwertigen Serien jeden Bedarf bedienten, fertigte Gigi nun auch für so hochangesehene Unternehmen, wie Davidoff oder Dunhill. Inzwischen waren nur noch zwanzig Mitarbeiter beschäftigt, die hatten aber ihr Auskommen, da die Firma so gesund blieb, wie es bei den immer schwerer werdenden Marktbedingungen noch möglich war.

Im letzten Jahr kam dann die Kunde aus Gavirate, dass der inzwischen 85-jährige Luigi Cugnola plane, sein Unternehmen zu schließen. Anfänglich gab es noch die Vermutung, sein Sohn Andrea könnte die Geschäfte übernehmen. Der wird sich das in diesen, kaum noch berechenbaren Zeiten aber erspart haben. Also geht eine große Ära zu Ende. So hat die, nicht immer und von allen geliebte Firma Rovera/Gigi Pipes beinahe alle Kollegen im Raum Gavirate überlebt…und auch, wenn man ihn nicht zuerst nennt, wenn vom italienischen Pfeifenbau die Rede ist, so darf man Luigi „Gigi“ Cugnola mit Fug und Recht zu den Großen, zu den Schlüsselfiguren der italienischen Pfeifengeschichte zählen.

Typisch klassische Gigi, wie sie mit etwas Glück als Estate noch kostengünstig zu finden ist.

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