Reiner Pfeifen-Ein Name, zwei unterschiedliche Charaktere

Alles begann eigentlich damit, dass der studierte Designer Reiner Klein aus Bremen 1979 zur Pfeife fand. Eher den klassischen Formen zugeneigt, faszinierte ihn die Idee, seine Designvorstellungen in diese klassischen Formen einfließen zu lassen. Aus einer Idee wurde ein festes Vorhaben. Reiner Klein befasste sich intensiv mit der Materie, ließ sich vom ebenfalls in Bremen beheimateten Karl Heinz Joura die Grundkenntnisse vermitteln, lernte schnell und gut und gründete 1984 sein eigenes Unternehmen, das „Reiner Klein Designgeschäft“.

Es gelang ihm wirklich, binnen kürzester Zeit, einen unverwechselbaren Stil zu entwickeln und am damals noch deutlich besser besetzten Pfeifenmarkt Aufmerksamkeit zu erzielen.

Typisch war der warme Orangeton seiner Pfeifen, da Klein die fertigen Pfeifen zunächst nur mit Öl behandelte und wachste. Bei den Formen spielte er gern mit zusätzlichen Linien und Absätzen an und in klassischen Formen. So fanden sich am Unterboden von Bents gern halbrunde Kehlen, die den Schwung des Holmes aufnahmen und beinahe an Bootskiele erinnerten, runde Billardköpfe wurden mit quadratischen Holmen kombiniert, ansonsten klassisch geformte Pots bekamen einen facettierten Kopf oder Brandys eine abgeflachte Rückseite, deren Form und Schwung sich an der Oberseite des Holmes fortsetzte. Bei den reinen Klassikfans eher verpönt, bekamen die Reiner-Pfeifen bei offeneren Geistern recht schnell den Ruf, die neue deutsche Avantgarde zu sein. Zudem arbeitete Reiner Klein sehr viel mit farbkräftigem Cumberland, das exakt auf den orangen Holzton abgestimmt war, gern mit Rillen und Absätzen gefertigt wurde und so zusätzlich die Besonderheiten der Modelle betonte.

Ganz typische Reiner Klein „der ersten Stunde“.Die klassische Bent und ihr Mundstück bekamen Facetten, Wangen, Absätze. Das wurde seinerzeit zwar eher bestaunt, galt bald schon aber als Avantgarde und gewann seine Fans.
Hier ist ein weiteres Stilelement von Reiner Klein gut zu sehen. Der kielförmig in den Kopf verlängerte Holm. Die Holzqualität ist auch bei diesem Stück über jeden Zweifel erhaben.

Allerdings war Klein eher Künstler, als Kaufmann. Dieses Problem hat(te) er mit einer ganzen Handvoll anderer Könner gemeinsam. Die Vermarktung ließ zu wünschen übrig, die Schritte dazu waren eher zögerlich und trotz seiner erheblichen Investitionen von seinerzeit 25.000 D-Mark stand das Designer-Geschäft im Herbst 1988 vor dem Aus.

Sein Verkaufsangebot in einer Bremer Zeitung wurde auch von Rüdiger Lutz Will gelesen. Einem Mann, der bereits zu diesem Zeitpunkt ein erfahrener Hase im Tabak-und Pfeifengeschäft war.

Rüdiger Lutz Will wuchs quasi zwischen Tabakballen auf. Sein Vater war Mitbegründer einer großen Tabak-und Zigarrenfabrik in Bünde, die in den 50er Jahren hinter Brinkmann die zweitgrößte Fabrikation in Deutschland war. R.L.Will absolvierte nach dem Abitur eine Banklehre und stieg danach in den väterlichen Betrieb ein. Er war maßgeblich an der Entwicklung der „Borkum Riff“-Tabake für den deutschen Markt beteiligt und sammelte bei Praktika in ganz Europa und Übersee viel Wissen und Erfahrung. Seine heimliche Liebe gehörte aber der Pfeife. Er rauchte sie schon seit jungen Jahren und schuf mit 30 Jahren seine erste eigene Pfeife. Die Arbeit an der Schleifscheibe fesselte ihn und so kamen etliche Exemplare in der Folgezeit dazu. Schließlich las er das Verkaufsangebot von Reiner Klein und es kam, wie es kommen musste. Will erwarb von Klein die Werkstatt, das Recht am Design, die Kundenkartei und Reiner Klein ließ seinen Traum vom eigenen Designergeschäft zurück.

Ein frühes Stück der Zusammenarbeit Will/Klein. Erstklassige Maserung war für die Reiner Bedingung. Hier findet sich auch das, häufig verwendete, kräftig gefärbte Cumberland-Mundstück.

Zunächst modellierte R.L. Will die „Reiner“ für ein Dreivierteljahr in Eigenarbeit. Zwei Dinge waren aber schnell klar. Einmal waren Reiner Kleins Entwürfe so eigen und originell, dass es nicht so leicht war, sie einfach nachzuempfinden und zum Zweiten kann man sich nur schwer gleichzeitig um die Fertigung und die Vermarktung kümmern. Man trat in Kontakt und Reiner Klein kam als freier Mitarbeiter zurück um fortan wieder die Pfeifen zu machen.

Nun hört und liest man ja oft davon, dass sich völlig gegensätzliche Charaktere gut ergänzen können. Bei Will und Klein war das aber wohl von Anfang an nicht unproblematisch. Natürlich beanspruchte R.L. Will als der, der das Risiko trägt, einen massiven Einfluss auf die Formgebung und natürlich standen auch die Vermarktungsinteressen weit im Vordergrund. Schliesslich sollte „Reiner“ beim zweiten Anlauf erfolgreicher und langlebiger werden. Das aber widerstrebte der Künstlerseele Reiner Klein, der die Pfeifenmacherei aus einem ganz anderen Blickwinkel sah und den das Umdenken so sehr belastete, dass er nach und nach auch in ein persönliches Dilemma geriet, sich Frust und Unzufriedenheit stauten.

Eine der Tabaklinien, die Rüdiger Lutz Will parallel zum Pfeifengeschäft entwarf.

Es ist beinahe erstaunlich, dass das Gespann unter diesen Bedingungen noch fast zehn Jahre hielt. Will investierte in den Jahren seit Geschäftsübernahme mehrere hundertausend Mark in die Marke, schaffte erstklassiges Holz und beste, ergänzende Materialien heran, aus denen Klein die Pfeifen schuf, die nicht nur in Europa, sondern auch in Übersee inzwischen sehr gefragt waren. Das Preisniveau hatte merklich angezogen. Eine „Reiner Pipe Art Design“ lag zwischen 300 und 900 Mark, einzelne „S“ sprengten auch mal die 2500 Mark-Grenze.

Kompakt und kräftig. Im Laufe der Jahre wurden (angepasst an den Käufergeschmack) die Köpfe deutlich größer. Diese Pfeife trägt den Silberring mit dem „R“ als Markenzeichen, der sich später sehr oft an den Pfeifen fand.

Doch Reiner Klein hatte sich in dieser Konstellation aufgebraucht und verließ endgültig die Firma.

Zunächst fertigte R.L. Will noch einige Exponate selbst, suchte sich aber bald einen Macher aus Dänemark, der die Pfeifen für „Reiner Pipe Art Design“ fertigte. Zusätzlich schuf Will mit der „Reiner Design“ noch eine Serienmarke, die die doch mächtig ambitionierten Preise für die Handmades nach unten ergänzen und festgelegte Formen anbieten sollte. Ein kluger Schachzug. Es geschah nämlich immer häufiger, dass gerade aus Übersee Freehands zurück kamen, die dann doch nicht ganz dem Geschmack des dortigen Händlers entsprachen. Also legte Will drei variierbare Formen fest, die den Händlern als Bestellmuster zugingen und aus denen diese dann nach Kundenvorstellung bestellen konnten.

Doch, nicht nur das. Schon 1990 entwickelte Will gemeinsam mit Kohlhase und Kopp die „Reiner Tabake“ und 1997 kam noch Wills neue Tabakmarke „Solani“ hinzu. Der kaufmännischen Rührigkeit von Rüdiger Lutz Will ist es zu verdanken, dass die Firma den Bruch mit Reiner Klein so gut verkraftete und bei der Intertabac 1998 stießen seine neuen Linien bei den aufgeschlosseneren Händlern auf reges Interesse, so das Will bereits dort mehrere hundert Exemplare als Bestellungen verbuchen konnte.

Diese, mit der silbernen Abschlußplatte am Holm und dem silbernen R-Ring schon recht prunkvoll ausgestattete Reiner gehört zur „Reiner-Design“-Reihe, die vornehmlich in Dänemark und Holland gefertigt wurde.
Der Schriftzug macht den Unterschied. Reiner-Design kennzeichnet die Serienpfeifen, die R.L.Will fertigen ließ. Sowohl die Materialien, als auch die Fertigung waren aber von bester Qualität. Dafür waren sie, für eine Serienpfeife auch nicht gerade günstig.

Die darauf folgenden Jahre waren und blieben für Lutz Rüdiger Will erfolgreich. Das gilt sowohl für die Pfeifen aus Handarbeit, als auch für die „Reiner Design“ Serienpfeifen, die lange in Holland und Dänemark gefertigt wurden.

Reiner-Pfeifen existiert heute noch, auch, wenn der inzwischen 84 Jahre alte R.L.Will keine Pfeifen mehr fertigt. Noch vor fünf Jahren aber stellte er, mehr aus Hobby, noch zehn bis zwölf Pfeifen pro Jahr her- für Freunde und Stammkunden. Bei einem Preis von 1000 bis 2500 Euro blieb der Kundenkreis dabei aber automatisch auf die Liebhaber beschränkt.

So hat der Mann, der bereits 1968 seine erste Pfeife baute und unter anderem Otto Pollner als Lehrmeister hatte, seine Liebe zur Pfeife und zur Pfeifenmacherei nie verloren.

Rüdiger Lutz Will an seiner privaten Wirkungsstätte.

Eines allerdings sei an dieser Stelle deutlich angemerkt. Nach dem Ausscheiden von Reiner Klein wurde Lutz Rüdiger Will nicht müde zu betonen, dass das Design der neuen Linien von ihm selber stamme. Wer aber genau hinsieht, stellt fest, dass die Designideen von Reiner Klein so intensiv waren, dass man sie all`die Jahre hindurch in beinahe jeder Reiner-Pfeife wiederfand und –findet. Das mag ein Stück weit auch Kalkül gewesen sein, fest steht aber, dass die Ideen des Reiner Klein einige Jahrzehnte überdauert haben und heute noch so spannend und speziell sind, dass sie sich vom Üblichen abheben. Reiner Klein selbst hat sich seinerzeit komplett aus der Pfeifenszene zurückgezogen und kehrte auch nie zurück. Er lebt heute am Niederrhein und möchte auf eigenen Wunsch auch mit der Geschichte der Marke nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Das muss akzeptiert werden.

Für die wirklich gusseisernen Fans der Pfeifen gelten aber bis heute die noch von Klein im Alleingang gefertigten und mit dem Stempel „Reiner-Handarbeit“versehenen Pfeifen als besonders sammelwürdig. Das allein sagt schon viel aus.

Hier sieht man sehr schön, wie sich das Design von der Anfangszeit (hinten) bis in aktuelle Tage dem Käufergeschmack angepasst hat.

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