TOBACCONOTES-Tabak als Zahlungsmittel

Tabakanbau in Virginia, Anfang des 17.Jahrhunderts.

Wer soll das bezahlen?…und womit? Diese Frage stellten sich die Menschen schon früh und auch, wenn bereits die ersten Münzen 1000 v.Chr. existierten und die Chinesen schon im 11.Jh. das Papiergeld einführten, gab es bis ins letzte Jahrhundert  in verschiedenen Gegenden der Welt alternative Zahlungsmittel und –formen. Zumeist hielten sie sie sich so lange, weil die Menschen ihre Verwendung gewohnt waren und in Geld nur das sahen, was es eigentlich auch ist: glänzende Scheiben und buntes Papier.

Beginnen wir unsere Zeitreise im 17. Jahrhundert. In Teilen Afrikas zahlte man seinerzeit mit Kauri-Muscheln oder Kautschuk-Kugeln, in Südamerika mit Kakaobohnen, in Canada und Sibirien mit Fellen, in Tibet mit Teeziegeln und in weiten Teilen Asiens mit Salzbarren.

1607 gründeten englische Siedler auf dem Gebiet, das von Sir Walter Raleigh für die englische Krone annektiert wurde, den Staat Virginia. Man machte den Tabak, der dort schon lange angebaut wurde und ein höchst gefragtes Gut war, zum offiziellen Zahlungsmittel.

Englisches Hoheitsgebiet? Da fragt man sich doch, warum nicht der englische Shilling als Geld eingeführt wurde. Nun, die Kolonien waren von der Versorgung über den Seeweg abhängig. So bestand stets ein Mangel an Münzgeld. Die Menge, die man gebraucht hätte, wäre gewichtsmäßig zu Lasten anderer Gebrauchsgüter gegangen und das war nicht durchführbar.

1618 legte die Generalversammlung per Gesetz fest, dass ein Pfund besten Tabaks den offiziellen Gegenwert von drei Shilling habe. Somit war der Tabak für alle Bezahlungen nutzbar.

Zwei Probleme übersah man dabei allerdings. Da nun der Tabak nicht nur im Export, sondern auch inländisch an Wert gewonnen hatte, bauten die Farmer nichts anderes mehr an. Dies führte recht bald zu einer Hungersnot und die Regierung musste mit Vorgaben lenkend eingreifen. Ab diesem Zeitpunkt waren nur prozentual genau geregelte Flächen für den Tabakanbau freigegeben und der Rest wurde Weizen, Mais und Bohnen vorbehalten. Die häufig gelesene Geschichte, dass Tabak in Virginia auf Großfarmen angebaut wurde, stimmte zum o.g. Zeitpunkt übrigens nicht. Jeder Klein-und Kleinstfarmer nutzte die Chance, auch auf dem winzigsten Flecken Tabak anzubauen. Mal mit mehr, mal mit weniger Geschick, was zu einer schier unübersehbaren Bandbreite an Qualitäten führte.

Einer der Wertscheine, die von den Inspektoren der Tabaklager ausgestellt wurden und auf denen Menge und Wert des gelieferten Tabaks festgehalten wurden.

Der Tabak setzte sich innerhalb Virginias größtenteils als Währung durch. Allerdings wurde vereinzelt auch noch mit Vieh, Mehl oder Mais bezahlt. Nachdem sich aber die Tabakwährung in Virginia weitgehend durchgesetzt hatte, nahm man das in der Nachbarkolonie Maryland zum Anlass, das System zu übernehmen.

1642 wurde der Tabak dann endgültig zum legalen und alleinigen Zahlungsmittel erklärt, was seine Verwendung dann auch für Mietzahlungen oder für Importlieferungen aus dem Ausland möglich machte. Da für solche Geschäfte größere Mengen an Tabak nötig waren, musste man ein System finden. Es war ja nun schlecht möglich, dass der Mieter seinen Zins beim Vermieter beglich, indem er ihm zwei Fässer Tabak vor die Tür rollte.

Szene vor einem Tabaklager.Während die Gentlemen scheinbar noch über den Preis verhandeln, werden weitere Tabakfässer herangerollt, ihr Inhalt wird geprüft und die Fässer werden für den Export auf dem Seeweg vorbereitet.

Um das Jahr 1713 baute man deshalb große Lagerhäuser, bei denen man seine Tabakfässer abliefern konnte und dafür Wertscheine bekam, die sogenannten „Tobacco-Notes“. Mit diesen Wertscheinen wurden dann größere Geschäfte bezahlt. Der Wert dieses „Papiergelds“ wurde durch die eingelagerten Tabakmengen abgesichert. So weit, so gut…oder auch nicht.

Landwirtschaftliche Erzeugnisse haben als Zahlungsmittel zwei gravierende Nachteile. Ihre Haltbarkeit ist begrenzt und ihre Qualitäten variieren stark- auch beim Tabak. So gab es in den Tabaklägern Inspektoren, die den angelieferten Tabak auf seine Lagerfähigkeit und Qualität prüften, um den Wert zu bestimmen. Schnell sprach sich aber herum, dass die Urteile von Inspektor zu Inspektor sehr unterschiedlich sein konnten und somit der Wert des angelieferten Tabaks stark schwanken konnte. Nicht eben positiv für eine Währung, von der man Stabilität erwartet.

In dieser Verkaufsankündigung findet sich der Hinweis, dass auch mit Tabk bezahlt werden kann, im unteren Bereich.

Bezüglich der Haltbarkeit fand man eine recht einfache Lösung, indem man die ausgegebenen Tabaknotes auf eine Gültigkeit von 18 Monaten begrenzte. Die Qualität war das größere Problem.

Säumige Schuldner zahlten natürlich nicht mit kleineren Mengen erstklassiger Ware. DIE konnten sie auch problemlos und zu hohem Wert an den gierigen Markt verfüttern, an dem es eigentlich immer zu wenig Rohware gab, seitdem die alte Welt das Rauchen für sich entdeckt hatte.

Sie zahlten ihre Schulden mit großen Mengen minderwertigem Tabak, was die Tabaklager in Platznöte brachte und ihnen auch die schwierige Aufgabe aufhalste, die minderwertigen Tabake am Markt loszuwerden. Trotzdem schloss sich noch 1732 Maryland dem, in Virginia gültigen Währungssystem Tabak an und letztlich überdauerte diese Zahlungsart 150 Jahre. Ähnliche Systeme waren übrigens auch in anderen Kolonien, wie Brasilien oder Ozeanien anzutreffen.  Mit zunehmender Größe der Kolonien kamen aber auch eigene Staats-Münzen und Druckereien auf und das „zivilisierte Geld“ übernahm auch in der neuen Welt die Macht.

Tabak als Zahlungsmittel- das klingt skurril und so weit weg? Ist es aber keineswegs.

Als die amerikanischen Truppen 1941-1945 im pazifischen Raum Hilfskräfte anheuern wollten, stellte man fest, dass sich z.B. die Einwohner Neu-Guineas nicht mit Dollars bezahlen lassen wollten. Die US-Quartermasters waren gezwungen, die dort üblichen Tabakstangen anzukaufen, um mit 13-15 Stück davon pro Tag die Kräfte zu entlohnen.

Die „Ami-Zigarette“. Die wohl härteste „Währung“ im Deutschland der Nachkriegszeit.

Die härteste Tabakwährung des 20.Jh. erlebte aber Deutschland in der Nachkriegszeit des zweiten Weltkrieges. Um die Reichsmark gab niemand mehr auch nur einen Pfifferling und deutschen Zigarettenproduzenten fehlte die Rohware. So wurden die „Amis“ die gültige Währung in Deutschland. „Winston Salem“, „Camel“ oder „Lucky Strike“ hieß das Gold dieser Zeit.

Zur ersten Nachkriegsweihnacht erhielt jeder Mann zehn und jede Frau fünf Zigaretten zugeteilt. Fünf Zigaretten entsprachen dem Gegenwert von drei Eiern oder einem Brot. 60 Zigaretten musste investieren, wer ein Pfund Fleisch wollte und ein alter Anzug wurde mit 100 Zigaretten bezahlt. Nein, eine „offizielle“ Währung war das nicht…doch, das störte den Schwarzmarkt nicht. Allgemein galt, dass zweihundert Zigaretten etwa 1000 Reichsmark entsprachen. Doch die Nachfrage regelte das unabhängig von etwaigen Werteinschätzungen. So war es in Berlin möglich, für vier Schachteln Zigaretten (Wert etwa vier US-Dollar) ein Orchester für den ganzen Abend zu bezahlen!

Mancher kam auf die Idee, die vor US-Kinos oder –Kneipen weggeworfenen Kippen zu sammeln, um daraus neue Zigaretten zu fertigen.

Ein letztes Phänomen dieser Art war im Rumänien der 80er Jahre zu beobachten. Dort hatte sich die US-Zigarettenmarke Kent zur alternativen und harten Währung entwickelt. Eine Schachtel Kent hatte in Rumänien letztlich den Wert von 14 US-Dollar. Viel zu kostbar, um die Zigaretten zu rauchen. So wurden diese Schachteln gegen Waren getauscht, bis sie beinahe vollständig verschlissen waren. Seltsamerweise behielten sie aber auch dann ihren Wert- weil sie nie dazu gedacht waren, geraucht zu werden.

Heute tippen wir ein paar Zahlen in den Rechner, um unsere Tabake zu bezahlen…oder wir halten kleine Plastikkärtchen in gefräßige Schlitze. So ändern sich die Zeiten.

Gut erhaltene Tobacconote der damaligen Zeit. Ein Stück amerikanische Zeitgeschichte.

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