FRATELLI ROSSI- Der Pfeifengigant Italiens

Das originale, restaurierte Firmenschild, wie es heute im Museum in Gavirate zu bestaunen ist.

Besteigen wir die Zeitmaschine und reisen zurück nach Italien ins Jahr 1870. Die Pfeifenmacherei ist dort zu diesem Zeitpunkt ein Geschäft unzähliger kleiner und kleinster Betriebe, die kreuz und quer über das ganze Land verteilt sind. Handelsreisende machen sich auf den mühseligen und zeitraubenden Weg, die kleinen Manufakturen abzuklappern, dort Pfeifen zu kaufen und sie zu den Kaufleuten in die Städte zu tragen, wo sie dann in vielen kleinen Tabakgeschäften zum Kauf angeboten werden.

Einer dieser Kaufleute ist Ferdinando Rossi. Er betreibt ein Geschäft in Mailand und hat sich schon häufig Gedanken über eine Pfeifenproduktion in Italien gemacht. Ihn erreichen häufige Nachrichten aus einem kleinen, französischen Ort namens St. Claude, wo solche Pfeifenfabriken bereits erfolgreich betrieben werden. Um sich ein Bild zu machen, reist Ferdinando 1880 selbst in das 400 Km entfernte Dorf im französischen Jura, was zur damaligen Zeit eine recht beschwerliche Angelegenheit ist. Doch, es lohnt sich.

Die Art der Maschinen, die perfekten Abläufe, das geschulte Personal und die hohen Produktionszahlen begeistern ihn. Als er allerdings offen seine Absicht äußert, solche Fabrik auch in Italien zu errichten, reagieren die, bis dahin sehr zeigefreudigen Franzosen nicht eben begeistert. Schnell spürt Ferdinando erheblichen Widerstand, als es darum geht, Maschinen und Gerätschaften zu erstehen, um diese mit nach Italien zu nehmen. Doch die Franzosen rechnen nicht mit der Hartnäckigkeit und Ausgeschlafenheit des kleinen Norditalieners. Auf abenteuerliche und höchst einfallsreiche Weise ersteht er die notwendigen Maschinen und lässt sie nach Italien schaffen. Doch, wohin?

Das damalige Haupttor zur prachtvollen, neuen Rossi-Fabrik in Barasso.

In seiner Heimat, im Kreis Varese oder genauer gesagt, in Barasso, ersteht er ein riesiges Grundstück. Während er die vorhandenen Maschinen zunächst nach seinen Bedürfnissen umbauen und dann einlagern lässt, entsteht bis 1886 dort seine eigene Pfeifenfabrik. Als zunächst nicht erwartetes Problem stellt sich aber der Mangel an Fachkräften heraus. Doch, auch das kann Fernandino nicht stoppen. Er sucht sich persönlich 30 Handwerker aus fremden Berufen zusammen und startet die Produktion. Der ausländische Wettbewerb sieht diesem Start eher gelassen und mitleidig zu. Kann man sich doch so gar nicht vorstellen, dass dieser improvisierte Start zum Erfolg führen könnte.

Wie sehr man sich doch täuschen sollte…

Die Geschäfte starten und laufen gut, bei Rossi. Bald schon muss er zusätzliches Personal einstellen. Er reist, putzt Klinken, macht sich bei Exporteuren bekannt und überzeugt mit der hohen Leistungsfähigkeit seines Unternehmens. 1892 kann man bei Rossi stolz verkünden, die ersten Pfeifen nach Brasilien exportiert zu haben. Auf dem heimischen, italienischen Markt ist die Firma zu diesem Zeitpunkt längst angesehen und über den Status eines „Newcomers“ hinaus. Wie aber kommt es, dass ein verhältnismäßig junges Unternehmen schon so schlagkräftig sein kann?

Nun, Rossi hat sich früh nicht nur Gedanken um die Leistungsfähigkeit seiner Maschinen gemacht. Ihm ist auch klar, dass gute Arbeitsbedingungen und zufriedene Mitarbeiter gute Ergebnisse bringen. Schon vor der Wende zum 20.Jh. sorgen in der Fabrik Wasserkraftturbinen für stabile Stromversorgung, für helle Ausleuchtung der Werkstätten und für ein leistungsstarkes Heizsystem. Das war seinerzeit genauso futuristisch, als wenn heute ein Unternehmer verkünden würde, seine Fabrik ausschließlich mit Energie aus Brennstoffzellen versorgen zu wollen.

Alle Angestellten auf einem Bild der 30er Jahre…einzig mit der Aufgabe betraut, Pfeifen zu machen.

Zusätzlich sprechen sich die guten und fairen Arbeitsbedingungen bei Rossi herum. Es herrscht kein Mangel mehr an Fachkräften, die für ihn arbeiten wollen….und Rossi braucht dieses Personal auch dringend. Im Jahre 1903, schon 17 Jahre nach der Firmengründung, gehört Rossi zu den zehn größten Pfeifenproduzenten der Welt!

Seine Erfolgsgeschichte ist Anreiz für einige Pfeifenmacher im Kreis Varese, sich ebenfalls mit einer Pfeifenproduktion selbstständig zu machen. So kommt es zu den Gründungen der Firmen Lana (später Lorenzo), Ceresa, Santambrogio und Rovera. Varese wird zum Nabel der italienischen Pfeifenwelt. Die Nachfrage nach Pfeifen ist rund um den Globus unersättlich und der Kreis Varese erlebt eine wirtschaftliche Blütezeit, wie es sie nie wieder geben sollte.

Das Jahr 1914 und der Beginn des ersten Weltkrieges setzen der Entwicklung vorübergehend ein jähes Ende. Die erste Nachkriegszeit ist schwierig, im Jahr 1918 tritt Leonida Rossi, Ferdinandos Sohn, mit ins Unternehmen ein und gemeinsam holt man neuen Schwung. In den Jahren bis zum zweiten Weltkrieg wird die Energie der Familie Rossi ihr Unternehmen zur Nr.1 in der Welt machen. Die schiere Größe, zu der dieses Unternehmen heranwächst, ist mit heutigen Maßstäben kaum noch zu erfassen. Der Platzbedarf, allein für die Mundstückfertigung und die Fertigung von Metallteilen wird so groß, dass man für beide Bereiche eigene Fabriken errichtet. Das Regallager, in dem das benötigte Bruyere vorgehalten wird, umfasst 18 Schuppen, jeder einzelne größer als jede andere Pfeifenfabrik Italiens. Man unterhält in Argentinien eigene Rinderherden, um den Nachschub an Horn für die Mundstücke zu sichern und kann kaum so viel Personal finden, wie man benötigt. Zum 50. Firmenjubiläum,1936, schafft man den Weltrekord für die Ewigkeit. Zu diesem Zeitpunkt sind bei Rossi 860 (!) Mitarbeiter (davon 95% Frauen) mit der Produktion  von Pfeifen beschäftigt und es gelingt die Fertigung von 50.000 (fünfzigtausend) Pfeifen an EINEM TAG !

Kleiner Ausschnitt der Mundstück-Produktion
Blick in die Fertigungshallen für die Pfeifenköpfe
Eine, der 18 (!) Lagerhallen für Bruyere
Blick in die Hallen zur Abschlußfertigung
Das „Warehouse“. Hier wurden die fertigen Pfeifen vor der Auslieferung gelagert.

Noch beeindruckender als die reinen Produktionszahlen ist aber die andere Seite der Firma Rossi. Der Arbeitnehmer gilt weltweit nicht viel, in diesen Zeiten. Zumeist arbeitet er hart und unterversorgt für niedrige Löhne. Fairness und soziale Verträglichkeit sind noch lange keine Themen. Anders bei Rossi.

Schon früh im 20.Jh bekommt die Fabrik ihre eigene Poliklinik. Hier werden nicht nur Arbeiter nach Unfällen versorgt, hier kümmern sich Ärzte und Fachpersonal auch um andere Erkrankungen der Mitarbeiter und ihrer Angehörigen, bis hin zu Ernährungsfragen und Impfprophylaxe. Für die Versorgung kleiner Kinder, wenn beide Elternteile arbeiten müssen oder wollen, gibt es ebenso einen Kindergarten, wie eine Mensa, in der die Kleinen gesund ernährt werden. Rossi unterhält Kaufhäuser, in denen seine Mitarbeiter zu stark subventionierten Preisen alle Waren des täglichen Bedarfs kaufen können. Das Fleisch der Rinder, die das Horn für die Mundstücke liefern, wird zum Selbstkostenpreis an die Mitarbeiter abgegeben. Die Kühlschiffe für den Transport zahlt Rossi ebenso, wie die tägliche Verpflegung seiner Mitarbeiter in der Großkantine. Jedes Kind eines Mitarbeiters hat im Jahr Anspruch auf einen vierwöchigen Ferienaufenthalt. Wahlweise in den Bergen oder am Meer, wo Rossi jeweils ein modern geführtes Gästehaushaus für die Kinder unterhält. Bezahlter Urlaub ist für die Mitarbeiter ebenso selbstverständlich, wie das große „Familienfest“, bei dem zweimal pro Jahr alle Mitarbeiter samt ihrer Angehörigen Gelegenheit haben, den „Familie Rossi-Gedanken“ auch außerhalb der Arbeitszeit zu pflegen. Zu diesen Festen lässt Rossi für Hunderte von Menschen alles Gute auffahren, was Küche und Keller zu bieten haben. Allein die Rechnungen dafür dürften schon nicht ohne gewesen sein.

Das damalige Shape-Programm der Firma Rossi.

Mit dem Eintritt Italiens in den zweiten Weltkrieg, am 10. Juni 1940, beginnt der Niedergang des Imperiums Rossi. Mit den amerikanischen Soldaten verbreitet sich die Zigarette mehr und mehr an allen Fronten  und bestimmt auch nach Kriegsende zunehmend das Rauchverhalten auf der Welt. In Italien kommen zudem die „jungen Wilden“ auf. Ein Carlo Scotti oder ein Achille Savinelli sind die neuen Leute mit neuen Ideen. Ihr Ziel ist es, die Pfeife vom niedergehenden Massenmarkt abzulösen und zu einem Individualprodukt zu machen. Das Gefühl der Nachkriegs-Pfeifenraucher gibt ihnen recht, doch bei Rossi, wo seit 1946 Ferdinando Rossi II.,der Enkel des Gründers neuer Chef ist, ist man darauf weder gefasst, noch eingestellt.

Der Verkaufs-und Präsentationsraum von Rossi. Heute im Museum in Gavirate zu bewundern.

Statt zu versuchen, Castello, Brebbia oder Savinelli auf dem neuen Weg zu folgen, verliert man sich immer noch in Masse und einem unüberschaubaren Angebot verschiedenster Linien. Es gelingt dem Dinosaurier nicht, sich gesundzuschrumpfen. Noch Mitte der 70er Jahre hat man über 800 verschiedene Shapes und Designs in der Produktion. Zwischen Maschinenpfeife und reiner Handmade herrscht ein solches Überangebot, dass man sogar bei Rossi selbst den Überblick verliert. Die aufkommende, starke Konkurrenz aus Dänemark sorgt letztlich für den endgültigen Absturz Rossis. Es ist aber kein schneller Tod. Noch bis 1985 schleppt man sich dahin, dann schließen sich, ein Jahr vor dem 100. Jubiläum, die Tore bei Rossi für immer. Für immer?

Noch immer werden hier Pfeifen gemacht, nur, im kleineren Rahmen. Hinter dieser Tür liegt die Pfeifenmanufaktur von Paolo Croci (TALAMONA)

Nun…nicht ganz. Nach dem Ende Rossis zog in die alte Fabrik wieder Leben ein, als Molina die Räumlichkeiten für ihre Pfeifenproduktion übernahm. Doch, vor ein paar Jahren beschloss Molina, die alte Fabrik aufzugeben und umzuziehen, da man schlicht größere Räumlichkeiten benötigte. Nun wäre die alte Rossi-Fabrik endgültig in den Dornröschenschlaf verfallen, wenn…

Ja, wenn da nicht Paolo Croci gewesen wäre, dem es eine Herzensangelegenheit war, unbedingt diese Räume für seine Pfeifenfertigung nutzen zu wollen. Ein Teil der Gebäude wurde zwischenzeitlich anderweitig vergeben, so nutzen die Direktionsvilla inzwischen branchenfremde Firmen. Doch, ein Gebäude blieb, in das Croci mit seiner Pfeifenmacherei einziehen konnte, um dort neben Lohnfertigungen auch seine bekannten Talamona Pipes machen zu können. Wer ihn dort besucht, atmet italienische Pfeifengeschichte. Durch eine von Pflanzen umrankte Hoftür kommt man auf das ehemalige Rossi-Gelände. Dort lässt es sich, auf einer schattigen Bank , trefflich von den großen Zeiten italienischer Pfeifenfertigung träumen, während einem Ferdinando Rossi in Form einer Gedenkbüste nebenan dabei lächelnd zusieht.

Zu Ehren des bedeutensten, italienischen Pfeifenproduzenten. Denkmal von Ferdinando Rossi im Hof der ehemaligen Fabrik.

Gar nicht weit von dort, im Pfeifenmuseum von Alberto und Ariberto Paronelli in Gavirate, wird ebenfalls liebevoll der Rossi-Geschichte gedacht. Jean Marie Alberto Paronelli, ihr Großvater, hat schon früh sehr erfolgreich mit Leonida Rossi zusammengearbeitet. Daher stammen viele wertvolle Exponate aus dem Hause Rossi, die heute dort zu sehen sind. Krönung ist der komplette Empfangs-und Präsentationsraum, den Alberto Paronelli sen. nach dem Ende von Rossi aufkaufte, um ihn in seinem Museum auszustellen.

Links: Paolo Croci, ehemaliger Profi-Radrennfahrer (er gehörte zum Team von Marco Pantani) und heute erfolgreicher Pfeifenmacher und jetziger Besitzer der Hallen. Rechts: Alberto Paronelli, Verwalter des Paronelli-Erbes und selbst erfolgreicher Pfeifenproduzent.

…und noch eine dauerhafte Erinnerung an den, einstmals großen Namen Rossi gibt es. Dem jungen Achille Savinelli waren, als er nach dem Krieg seine eigene Pfeifenfirma gründete, die Rossis und ihre Geschichte ein großes Vorbild. Zwischen den Familien entstand mit der Zeit eine tiefe Freundschaft. So war es für Savinelli selbstverständlich, nach dem Ende von Rossi den Namen und die Rechte daran für das eigene Unternehmen zu sichern. Als man dort vor ein paar Jahren den Namen für eine Zweitlinie des Hauses suchte, war schnell klar, dass der Name Rossi wieder aufleben sollte.

Aus heutiger Sicht muss das Lebenswerk der Familie Rossi in seiner Bedeutung für die Geschichte der Pfeife ganz sicher in einem Atemzug mit Butz-Choquin, Dunhill, Vauen, Peterson und Chacom genannt werden…und wer noch einmal in die großen Zeiten der Pfeifengeschichte eintauchen und diesen Namen ganz nah sein möchte, dem kann ich einen Besuch des Pfeifenmuseums in Gavirate nur wärmstens ans Herz legen.

Wunderschönes Stück aus der Fertigung Rossis.

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