Die Anfänge des Tabaks in Deutschland

In meinem vierteiligen Artikel über die Einführung des Tabaks in Europa habe ich auch seinen Weg nach Deutschland schon einmal grob skizziert. Es lohnt sich aber, da noch einmal genauer hinzuschauen, besondere Gebrauchsweisen zu betrachten und Besonderheiten aufzuzeigen. Also, wenn Sie Lust haben…

Typischer Trocknungsschuppen für Tabak, wie er heute auf dem „Weg des Tabaks“, in Hatzenbühl,noch erhalten ist.

Den ersten Tabakanbau in Deutschland kann die Stadt Augsburg für sich reklamieren. Zur Mitte des 16.Jahrhunderts war ein Mitglied der bedeutenden Familie Occo, nämlich Adolf Occo in ganz Europa unterwegs, um sich über Heilpflanzen und Kräuter kundig zu machen. Während seiner Studienreisen begegnete Adolf Occo dem Tabak in Italien zum ersten Mal. Dortige Heiler berichteten ihm von der universellen Verwendbarkeit und den guten Heilungserfolgen des Krauts und so brachte Occo eine kleine Menge Tabaksamen mit, als er 1549 nach Augsburg zurückkehrte. Seine Aussaat gedieh gut und seine Behandlungen mit der neuen Pflanze sprachen sich bald herum. Es fanden sich auch rasch Nachahmer und innerhalb kurzer Zeit war der Tabak in der Augsburger Gegend weit verbreitet.

Allerdings, wie im übrigen Europa, als Heil-und Zierpflanze. Tabak zu rauchen, daran dachte damals noch niemand. Schon zu Beginn seiner Anpflanzungen schickte Occo seine Tabakblätter zusammen mit einer Auflistung, gegen welche Leiden sie Verwendung finden konnten, auch an seinen Freund und Arzt Johann Funk in Memmingen und an den Züricher Stadtarzt und Botaniker Conradin Gessner.

Gessner war zunächst skeptisch, die richtige Pflanze vor sich zu haben, erlangte aber Bestätigung durch eine Abbildung, die ihm der Theologe Benedict Arctius aus Bern zusandte. Über Gessner und später auch über den Baseler Professor Johannes Bauhinus  fand der Tabak als Heilpflanze auch den Weg in die Schweiz.

Es war eine Zeit des medizinischen Aufbruchs. Allerorten in Europa forschte man nach neuen Wegen und Pflanzen, startete Versuche und entwickelte neue Verfahren. Unter anderem probierte man auch, Tabakblätter zu verräuchern und die Kranken den Rauch einatmen zu lassen. Relativ zeitgleich wurden auch die ersten Tonpfeifen bekannt und so langsam verbreitete sich die Sitte, den Tabak zu rauchen. Allerdings diente dieses „Verfahren“ noch immer vornehmlich medizinischen Zwecken.

Anleitung für medizinische Tabak-Klistiere aus dem Jahr 1772

Auch und gerade während der Zeit der Pest in Augsburg, um 1585, wurde allerlei Quaksalberei mit dem Tabak versucht, um dieser üblen Seuche Herr zu werden. Tinkturen, Säfte, Wickel…und auch geraucht und verräuchert wurde viel. Aufzeichnungen besagen, dass durch den Rauch eine Milderung der Pest eingetreten sei. Was zunächst nach ziemlichem Humbug klingt, kann eventuell sogar begründet werden. Läuse und Flöhe, die als Mitverbreiter der Pest gelten, wurden aus der Kleidung vertrieben, wenn diese entsprechend intensiv nach Tabak roch.

Etwa zeitgleich findet sich in der Pestverordnung der Stadt Ulm der Hinweis, dass „einzuführende Waren einer langen Einfuhrsperre zu unterwerfen sind…“ außer Tabak, der nach zehn Tagen passieren darf“. Das belegt, dass 1585 der Tabak auch in der Ulmer Gegend bekannt und geraucht wurde.

Den Weg nach Süddeutschland fand der Tabak also, von Italien kommend, zu allererst als  Heilpflanze. Das Rauchen kam deutlich später hinzu.

Ganz anders gestaltete sich die Einführung des Tabaks in Norddeutschland. Hier ging der Tabak bereits in den Jahren  1560/1570 als Genussmittel in Rauch auf. Die Seeleute, die vor allem aus Spanien kommend , in Hamburg und Bremen anlandeten, brachten das Rauchen als neue Vergnügung über die Häfen in die Städte. Doch, die zusammengerollten Tabakblätter nach indianischem Vorbild stießen zunächst auf wenig Gegenliebe in der Bevölkerung. Der Botaniker Matthias de Lobel berichtet in seinem, 1576 in Antwerpen aufgelegten Werk über die seltsamen Tabaktrichter, die beinahe jeder Seemann am Munde führe, um den Rauch so tief, als möglich einzuatmen. Die Seeleute berichteten, dass es gegen Hunger und Durst helfe und den Kopf mit angenehmer Leichte fülle, ohne wirklich trunken zu machen. Zudem gäbe der Rauch geschwundene Kräfte zurück.

Trotzdem…die Herstellung und Nutzung der Tabakrollen war den „Landratten“ viel zu umständlich und vorerst blieb der Siegeszug des Tabaks aus. Das änderte sich aber sehr schnell, als wenige Jahre später die Erfindung der Tonpfeife auch in den Hansestädten Einzug hielt.

Zeitgenössisches Portrait des Johannes Neander aus Bremen.

Doch auch der Nutzen als Heilpflanze wurde in Norddeutschland rasch bekannt. Bereits 1626 veröffentlichte Johannes Neander aus Bremen sein Werk „Tabacologia“.

Damit legte der Bremer, der an der holländischen Universität von Leyden lehrte, ein lückenloses Buch über die Verwendbarkeit des Tabaks in der Medizin vor. Über lange Jahre war diese Arbeit Grundlage für viele Mediziner auf der ganzen Welt, es ist auch das älteste Werk über Tabak, das in der deutschen Geschichte zu verzeichnen ist. Seltsam ist, dass ihm in der Tabakhistorie Deutschlands kaum Beachtung geschenkt wurde und wird.

Für eine endgültige Verbreitung des Rauchens auch in den anderen Landstrichen Deutschlands sorgte letztlich wohl der dreißigjährige Krieg. Vor allem die englischen Truppen, bei denen die Tonpfeife beinahe selbstverständlich war, schufen reichlich Nachahmer in der Bevölkerung, von der Pfalz bis nach Böhmen.

Das deutsche Volk verlangte also nach Tabak und der wollte angebaut werden. Schon um 1598-1600 gibt es Nachweise über kleinere Anbaugebiete in der Pfalz, gegen 1620 sind schon größere Tabakfelder im Elsass bekannt. Dort allerdings stößt der Anbau bei den Oberen zunächst auf Widerstand, da ein Rückgang der Getreideflächen befürchtet wird und somit eine Unterversorgung der Bevölkerung mit Mehl, Brot u,s.w. Ob die Staatsführung womöglich von den ersten Problemen englischer Siedlungen in Amerika wusste oder schlicht klug alles bedachte, ist nicht überliefert. Nach Begrenzung der geplanten Fläche stand aber dem Tabakanbau auch hier nichts mehr im Wege. 1634 muss der Tabak schon eine bedeutende, wirtschaftliche Rolle gespielt haben, denn nach Beschluss des Rates der Stadt Hanau wird dort die erste „Tabakzunft“ gegründet und eine „Tabakordnung“ erstellt. Als Anbaugebiete folgten Nürnberg, Duderstadt, Xanten,Wesel…und über das Bistum Speyer und die Markgrafschaft Baden findet der Boom des Tabakanbaus auch seinen Weg in die Schweiz, wo im Raum Basel große Anbaufelder für den Tabak entstehen.

Blick aufs pralle Leben in einer deutschen Schankstube. Das Bild stammt aus dem Jahr 1665.

Zeitgleich satteln auch in Stötteritz bei Leipzig und in Schwedt immer mehr Bauern auf Tabakanbau um. Dazu kommen die Mark Brandenburg, Magdeburg, Halle und weite Landstriche in Thüringen und Schlesien. ..und während der in Sachen Tabak stets mürrische Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen nicht müde wurde, über den Tabakgenuss zu wettern, setzt ein Jahrhundert später, 1765, Friederich der Große sogar Prämien für vermehrten Tabakanbau aus. So änderten sich die Zeiten.

Doch, mit dem Anbau allein war es nicht getan. Schließlich mussten die Blätter der Pflanzen ja zu rauchbarem Tabak verarbeitet werden. Die älteste Form, die zunächst von Tabakskrämern angeboten wurde ,war der versponnene Tabak.Hierbei wurden die Blätter immer wieder versetzt aufeinander gelegt und mit Spinnrädern zu „Seilen“ gesponnen. Der „Spun“ hat sich in einzelnen Sorten bis zum heutigen Tag gehalten. Die Tabakbauern wollten sich aber von fremder Hand nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. So lernten sie, wie man die Tabakblätter an Stecken aufreiht, um sie zu trocknen, wie man sie nachher übereinander legt und presst, um sie zu fermentieren…ja und natürlich auch, wie man den Tabak hernach verspinnt. Das Gewerbe der Tabakspinnerei wurde in manchen Gegenden so groß und bedeutsam, dass Tabakspinnerinnungen gegründet wurden.

Siegel einer Tabakspinnerei

Wer eine Spinnerei betrieb war letztlich so ausgelastet, dass er zum Tabakanbau nicht mehr kam. Die Berufe trennten sich wieder in Tabakbauern und Tabakspinner, wobei die Spinner den Tabak auch zunehmend verkauften und als Zubrot noch mit importierten Tabaken handelten.

Das allerdings rief den Berufsstand der Krämer auf die Barrikaden, die den Verkauf des Tabaks als ihr angestammtes Recht ansahen. Es kam zu langwierigen Streitigkeiten und Prozessen, bei denen die Krämer aber letztlich unterlagen.

Edmund Werling, der letzte deutsche Tabakspinner. Er betrieb sein Gewerbe bis 1980.

Zu diesem Zeitpunkt gab es aber auch schon Fabriken, die Tabake verarbeiteten und für den Handel verpackten. Die erste Fabrik dieser Art, Peter Kornmann/Würtemberg, entstand 1700, bis 1720 kamen Preissler/ Bredstedt , Bierling in Achdorf bei Donaueschingen und die Rauch-und Schnupftabakfabrik Pforzheim dazu. Im Norden gilt Friedrich Justus/ Hamburg als älteste Tabakfabrik, im Westen war es Joseph Heinrich Du Mont , der zu Cöln im Jahr 1735 eine Tabakfabrik gründete.

Zwei Namen, die bis in die heutige Zeit überlebt haben, hatten ihre Firmengründung ebenfalls im 18.Jahrhundert. 1770 wurde Joh.Wil.von Eicken gegründet und im Jahr 1783 folgte die Fabrik der Gebr.Crüwell in Bielefeld. Immer mehr kam auch der Geschäftszweig des Großhandels und Imports von Tabaken auf. Bremen kristallisierte sich mit der Zeit als Hauptumschlagsplatz und „Importhauptstadt“ heraus und auch das ist bis heute unverändert.

So entstand aus einzelnen Saatkörnern, die einst zu medizinischen Zwecken nach Augsburg gebracht wurden, eine Wirtschaftsmacht. Ein Handelszweig, der über viele Jahrzehnte hinweg den Menschen Arbeit und Wohlstand bescherte…und dem Raucher den geliebten Pfeifengenuss. Möge uns dieser Genuss noch lange erhalten bleiben!

…auch Friedrich Schiller war ein großer Freund der Pfeife und des deutschen Spinntabaks, wie dieses Bild aus dem Jahr 1772 zeigt.

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