SASIENI-Schleichender Untergang mit vielen Mysterien

Wie ist es möglich? Wie ist es möglich, dass über eine der bedeutendsten Pfeifenmanufakturen Englands so wenig Konkretes zu finden ist? Nun, einerseits ist es das gleiche Problem, wie z.B.bei Bloomfield (BBB)- es wurde einfach kaum etwas schriftlich festgehalten und die wenigen Unterlagen, die existierten, haben den zweiten Weltkrieg kaum unbeschadet überstanden. Zum Zweiten hat es England gut verstanden, durch jahrzehntelanges Chaos im Management ehemals angesehene und geschätzte Marken in der Bedeutungs-und Gesichtslosigkeit verschwinden zu lassen.

Versuchen wir doch einmal, aus den noch vorhandenen Fragmenten die Geschichte dieses großen Namens ein wenig zu rekonstruieren.

Die Mysterien bei Sasieni beginnen schon mit dem Vornamen des Firmengründers. Kann man heute, nach Recherchen beim US-Patentamt, mit Sicherheit sagen, dass er Joel hieß, gab es lange auch die Behauptung, er hätte Joseph geheißen ,was letztlich sogar zu der Vermutung führte, es habe ein Brüderpaar gegeben. Das lässt sich inzwischen zwar klar widerlegen, es hat aber (neben der bewegten Firmengeschichte) lange für Verwirrung gesorgt.

„No better pipe can be made“…die Fans nicken bedächtig

Joel Sasieni absolvierte seine Pfeifenmacherlehre bei Charatan, verfolgte aber zeitgleich das Tun eines gewissen Alfred Dunhill. Dunhills Ideen und Ansprüche an die Qualität der Pfeifen beeindruckten Sasieni so sehr, dass er unmittelbar nach seiner Ausbildung zu Dunhill wechselte. Alfred Dunhill erkannte die Talente von Joel Sasieni rasch und da beide Männer eine ähnliche Vorstellung von der Perfektion der Pfeife hatten, brachte es Sasieni rasch zum Fabrikleiter.

Ein toller Erfolg für den jungen Joel…doch, er wollte mehr. Er wollte großartige Pfeifen machen, auf denen sein eigener Name steht. 1919 verließ er Dunhill und gründete sein eigenes Unternehmen. Sah man das bei Dunhill schon nicht gern, so sollten Meinungsverschiedenheiten in der Zukunft für ein regelrechtes Zerwürfnis mit Sasienis ehemaligem Arbeitgeber führen. Dazu aber gleich mehr.

Kurz nach der Gründung des Unternehmens brannte Sasienis Fabrik bis auf die Grundmauern nieder. Für viele wäre das ein Grund zur Verzweiflung und für die Aufgabe gewesen. Nicht so für Sasieni. Er baute die Fabrik kurzerhand und mit deutlichen Verbesserungen wieder auf. Für Verwirrung sorgte, dass beim Wiederaufbau mehrere große Öfen montiert wurden. Sie dienten einem radikalen Verfahren, das Sasieni sich ausgedacht hatte. Die Hölzer wurden, wie gewohnt, zunächst an der Luft getrocknet und gelagert. Sobald die Pfeifenköpfe aber gefertigt waren, kamen alle für sechs (!!!) Wochen zur Aushärtung in die Öfen. Speziell dafür ausgebildete Mitarbeiter kontrollierten die Härtung, wischten austretende Feuchtigkeit zwischendurch mit Lappen aus den Köpfen, kontrollierten auf Risse und sonstige Probleme und lagerten die Köpfe regelmäßig um.

Ein Set aus dem Jahr 1926

Der Ausschuss an gerissenen und verzogenen Köpfen war hoch, doch die überlebenden Köpfe rauchten sich so trocken, wie keine Pfeife der Mitbewerber. Höchste Qualität durch absolute Kompromisslosigkeit-das war Sasienis Einstellung.

Der Erfolg des weißen Punktes auf den Dunhills blieb Sasieni natürlich nicht verborgen. Auf der Suche nach einem eigenen Logo trieb er es aber auf die Spitze, indem er ebenfalls den Punkt verwendete, allerdings in blau. Das musste Ärger nach sich ziehen und genauso kam es. Dunhill strengte Verfahren gegen Sasieni an, hatte allerdings die laschen, englischen Verordnungen zum Musterschutz nicht auf seiner Seite. In England durfte Sasieni den blauen Punkt nutzen und tat das auch einige Jahrzehnte lang. Die Verfahren in den USA (die ja für beide Firmen der wichtigste Exportmarkt waren) gingen für Sasieni allerdings nicht so glimpflich aus. Nach einigem Ärger mit dem US-Patentrecht verlegte Sasieni den Punkt auf die Seite des Mundstücks. Nach einer kleinen Serie stellte man aber fest, dass das keine machbare Lösung ist. Wer heute auf eine Sasieni mit blauem Punkt an der Seite stößt, darf sich glücklich schätzen. Diese, höchst seltenen Exemplare gelten als Gral in der Sasieni-Sammlerszene und sind sehr wertvoll.

Für die Freunde der eher zarten, extra leichten Pfeifen gab es ein spezielles Programm.

Sasienis Lösung des Problems war ebenso extravagant, wie schwierig. Vier Punkte in Rautenform für die feinen Qualitäten und zwei dieser Rauten nebeneinander für die Ausnahmepfeifen. Die Qualitätsbezeichnungen Four Dot und Eight Dot waren geboren. Seine Pfeifenmacher trieb Sasieni damit zu schierer Verzweiflung und in Angstschweiß. Die Punkte mussten nämlich einzeln gesetzt werden und der Chef bestand auf absolut exakte Abstände. Obwohl das ein ausgesprochen komplizierter Vorgang war, findet sich kaum eine Sasieni, bei deren Stempel sich minimale Abweichungen finden. Sorgfalt und Perfektion war bei Sasieni oberstes Gebot.

Auf dem Vorkriegsmarkt der USA wurden beide Qualitätsstufen erfolgreich vermarktet, obwohl gerade die Eight Dot doch schon stolze Preise aufwies. Böse Zungen behaupten übrigens, dass in der Holzqualität keinerlei Unterschied bestand. Vielleicht waren es Kleinigkeiten, die den Unterschied machten, vielleicht war es oftmals aber auch eine Frage des Prestiges, die den Kunden zur Eight Dot greifen ließ.

Eine Sasieni neueren Datums, bei der man die Punkte-Graduierung interessanterweise gemischt hat. Wohl eine Zwischenstufe, zwischen sehr gut und excellent. Vor allem den Amerikanern war es recht-sie waren schlicht süchtig nach Sasienipunkten.

In den Jahren nach dem Krieg erfuhr die Firma starke Veränderungen. Joel Sasieni starb Ende 1945, sein Sohn Alfred (ja, er hieß wirklich so. Späte Verbeugung?) erwies sich aber als guter Nachfolger. Der Markt änderte sich merklich und Alfred Sasieni reagierte recht geschickt. Man stempelte nun den Schriftzug „Four Dot“ auf die Pfeifen, da sich diese Qualitätsbezeichnung inzwischen etabliert hatte, schuf mit „Mayfair“, „Friar“ und „Olde English“ Zweitmarken, die erlaubten, das weniger perfekte Holz zu vermarkten und führte für die Sasieni-Linie die „Two Dot“ ein, die ihren höher eingestuften Geschwistern in der Verarbeitung nicht nachstand, aber zwei-drei Kittstellen aufweisen konnte. Die Firma positionierte sich mit Geschick und hatte anhaltenden Erfolg.

Ende der 70er Jahre wurde die allgemeine Marktlage aber so schwierig, dass sich Sasieni ohne fremde Beteiligung nicht mehr halten konnte. Ein neuer Besitzer trat auf den Plan, Alfred Sasieni blieb aber Geschäftsführer und zunächst sah es nach einer guten Lösung aus. Man legte eine neue, hochqualitative „Eight Dot“-Serie auf, mit Siegel, Papieren und edler Verpackung. Eine Idee, die den Nerv des Marktes scheinbar gut traf. Die Serie war klein, die Pfeifen sind heute entsprechend gesucht und die Exclusivität hätte ein guter Weg in den zukünftigen Markt sein können.

Eine Four Dot-Bulldog, bei der jedem Fan das Herz aufgeht
Eine Four Dot-Canadian der Nachkriegsjahre

Dann aber kam es zwischen dem neuen Besitzer und Alfred Sasieni zum Zerwürfnis. Während der neue Besitzer die Pfeifen auf Acrylmundstücke umstellen wollte, beharrte Sasieni auf traditionellem Ebonit. Der Streit eskalierte derart, dass Alfred Sasieni die Firma für immer verließ.

So seltsam und nichtig der Streit erscheinen mag. Sasieni kannte seine Kunden besser und sollte Recht behalten. Zwar wurden weiterhin Pfeifen von guter Qualität gefertigt, doch die Acrylmundstücke und die Tatasache, dass es keine Sasienis im ursprünglichen, familiengeführten Sinn mehr waren, ließ das Interesse der Raucher rasch und massiv erkalten.

1986 begann dann das endgültige Ende eines großen Namens. In einer Zeit, in der die Führungsetagen englischer Pfeifenhersteller mehr eklatante Fehler machten, als hier aufzählbar sind, wurde Sasieni erneut verkauft. Bis heute bleibt schleierhaft, wie die englischen Pfeifenproduzenten den Markt derart falsch einschätzen konnten. In einer Zeit, in der gerade in den USA und in China der Markt für edle Sammlerpfeifen wuchs und der Budgetmarkt massive Probleme hatte, entschloss man sich in England zur Billigschiene. Der neue Besitzer von Sasieni schaffte alle Marken und Klasseneinstufungen ab und stempelte alle Pfeifen mit dem „Four Dot“. Was nach 1986 als Sasieni „Four Dot“ auf den Markt kam, hat mit der ursprünglichen Bezeichnung genauso viel zu tun, wie eine Frikadelle mit einem Filet. Da halfen und helfen auch die günstigen Preise (bis etwa 100 Dollar) nichts. Einzig Dunhill ist es gelungen, bis zum heutigen Tag zu einem guten Teil von dem Mythos zu leben, den der charismatische Alfred Dunhill einstmals begründete. Dem Rest der Produzenten und Großhändler Englands kann man nur bescheinigen, durch grobe Fehler und massive Fehleinschätzungen den Niedergang der englischen Pfeife selbst verschuldet zu haben. Das gilt auch für Sasieni.

Die, auch zu damaliger Zeit sündteure Straight Grain-Serie. Doch, doch…15 Dollar waren seinerzeit ein kleines Vermögen.

Die Fangemeinde der alten Sasieni-Pfeifen ist eingeschworen und rührig. Speziell die Vorkriegsmodelle werden, je nach Seltenheit, zu erstaunlichen Preisen gehandelt. Meist finden diese Pfeifen den neuen Besitzer im Kreis der Liebhaber und werden selten offen angeboten. Wer aber Gelegenheit hat, solch`ein Stück zu erwerben, sollte nicht zögern. Viele Experten bezeichnen die Vorkriegsmodelle von Sasieni als die besten Pfeifen, die je gemacht wurden. Da kommt niemand mit…warscheinlich nicht einmal Dunhill.

Sasieni-Ein Mythos

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