CAMINETTO und ASCORTI-Ein steiniger Weg Teil 1

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Als Carlo Scotti im Jahr 1947 seine Firma „Castello“ gründete, war ihm vor allem eine Sache wichtig. Es galt, junge und talentierte Pfeifenmacher zu finden, die in der Lage waren, Scottis Anspruch an Qualität umzusetzen. Viele kamen und gingen. Mitte der fünfziger Jahre engagierte Scotti dann den Nachwuchs-Pfeifenmacher Luigi Radice und 1959 gelang dem Castello-Gründer ein absoluter Glücksgriff. Der junge, ehrgeizige Guiseppe Ascorti unterschrieb einen Vertrag und Carlo Scotti merkte sehr schnell, was für ein Ausnahmetalent der junge Ascorti war.

Ascorti verstand die Philosophie von Carlo Scotti sofort und schuf für ihn Pfeifen feinster Güte. Bald schon wurde man auf das junge Talent aufmerksam, Ascorti entwickelte sich zum führenden Macher bei Castello und Scotti hatte mit ihm große Pläne für die Zukunft.

Das aber deckte sich nicht mit Ascortis Plänen. Sein Traum war eine eigene Fabrik, ein eigenes Pfeifenlabel. Als Pfeifenmacher verdiente man aber kein Vermögen und so wurden die Pläne erst einmal auf Eis gelegt.

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Frühe Caminetto aus der beliebten „Business“-Linie. Eindeutig inspiriert von Castellos „Sea Rock“

Anfang der sechziger Jahre übernahm Ascortis Frau von ihren Eltern ein kleines Obst-und Gemüsegeschäft. Das langte zwar auch nicht, um reich zu werden, aber nach und nach konnten von den Rücklagen Maschinen und Werkzeuge zum Pfeifenbau angeschafft werden.

Zum Ende des Jahres 1968 war es dann soweit. Ascorti konnte mit seiner eigenen Werkstatt starten, kündigte bei Castello und überzeugte Luigi Radice, ihm ins neue Unternehmen zu folgen. Nein, Carlo Scotti war nicht begeistert von dieser Entwicklung, legte aber ( ganz Gentleman, der er war) den jungen Geschäftsleuten keine Steine in den Weg.

Die ersten Pfeifen wurden gefertigt und schnell fand sich ein Tabakladen-Betreiber, der bereit war, die Pfeifen über sein Geschäft anzubieten. Gianni Davoli aus Mailand suchte zu der Zeit eine Hauptmarke für seine Geschäfte und so brachte die Fügung die drei Männer zusammen. Durch Freunde und Verwandte verfügte Davoli über beste Kontakte in die USA, bald schon gingen erste Pfeifen auf die Reise über den großen Teich und wurden dort mit Begeisterung aufgenommen.

Es lief hervorragend an und Davoli schlug vor, die weltweite Vermarktung der Pfeifen zu übernehmen, was Ascorti und Radice mit Freude akzeptierten.

 

Man traf sich nach der Arbeit gern am Kamin, scherzte, plante und genoss das eine oder andere Glas Wein. An einem solchen Abend stellte sich die Frage nach einem Namen für die Pfeifen…und da Davoli Pfeifen gern mit Kaminen verglich, war alsbald der Name „Caminetto“ geboren. Ob aus der gleichen Weinlaune heraus das Firmenzeichen, der Schnauzbart, entstand, ist nicht überliefert.

 

Radice und Ascorti trugen zu diesem Zeitpunkt aber schon mächtige Schnauzbärte, später verzierte auch Davolis Gesicht ein ausladendes Exemplar. Das Trio wurde später unter „I tre Camini“ (die drei Schornsteine) berühmt und die Pfeifen erhielten ihren Slogan : „La Pipa del Baffo“ (die Pfeife mit dem Schnauzbart ).

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Giuseppe „Peppino“ Ascorti in späteren Jahren. Mit „wirkungsvoll“ präsentierter Neupfeife.

Davoli nutzte geschickt aus, dass die Castello-Pfeifen in den USA so außerordentlich gefragt, aber schwer zu bekommen waren. Er platzierte die Caminettos mit dem Ruf, die gleiche Qualität zu haben, aber nur halb so viel zu kosten…und, sehr wesentlich, er sagte auch den Versand ab Werk zu. Es dauerte nicht lange, bis ein lukrativer Vertrag mit der „Tinderbox International“- Kette zustande kam. Diese übernahm die landesweite Vertretung in den USA und der einsetzende Erfolg war erheblich größer, als erwartet.

Was wie ein Segen erschien, kehrte sich nach und nach zu einem Fluch um. Um die Stückzahlen, vor allem der besonders gefragten, rauhen Business-Linie überhaupt liefern zu können, lief die Fabrikation auf Anschlag. Um 1970 wurden dringend Mitarbeiter gesucht. So fand Cesare Vigano als große Hilfe zum Unternehmen, der über dreißig Jahre lang zur festen Größe wurde und Guiseppe Ascortis ältester Sohn, Roberto, half nach der Schule schon bei Verpackung und Versand.

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Davoli investierte große Summen in modernere Maschinen, um die Produktivität zu steigern und wurde damit 1973 zum Mitbesitzer bei Caminetto. Nicht nur das, zum Ende des Jahres hielt er die Mehrheit am Firmenkapital. Der US-Markt war unersättlich. Man steigerte die Produktion auf 5000 Pfeifen pro Jahr, dann 6000 und schließlich 7000 Stück. Im Tinderbox-Katalog von 1975 wurde Gianni Davoli frenetisch als einziger Macher der Caminetto-Pfeifen gefeiert. Kein Wort über Radice oder Ascorti. Nebenbei vermarktete Davoli noch die im Caminetto-Werk gefertigten „Gianni“-Pfeifen auf dem italienischen Markt. Die Stimmung aber heizte sich mehr und mehr auf, was in erster Linie der Überlastung geschuldet war, die alle Beteiligten an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit trieb.

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Die Tinderbox-Präsentation des Jahres 1975, in der Gianni Davoli als Mastermind von Caminetto gefeiert wird- was nun ganz und gar nicht der Realität entsprach.

Zum Ende der siebziger Jahre machten sich die Spannungen Luft. Luigi Radice wollte der Massenfertigung nicht mehr folgen, die keinerlei Raum für Kreativität ließ. Zudem hatte er große Bedenken, dass die Qualität der Pfeifen bei der Masse an Produktion zu sehr leidet. Guiseppe Ascorti teilte zwar Radices Bedenken, konnte ihm aber, durch den Druck, den Davoli als gleichberechtigter Partner aufrecht erhielt, keine Zugeständnisse machen. Es kam zu ernsthaftem Streit zwischen Ascorti und Radice.

Ein anderer Streitpunkt entstand zwischen Guiseppe Ascorti und Gianni Davoli. Roberto Ascorti, Guiseppes Sohn, hatte den Militärdienst beendet und eine Kunstschule besucht. Studieren aber wollte er nicht, sondern lieber in Vaters Fußstapfen treten. Guiseppe wollte ihn bei Caminetto einstellen, damit war aber Davoli nicht einverstanden. Er fürchtete eine starke Allianz zwischen Vater und Sohn und deshalb vielleicht sinkenden Einfluss.

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Luigi Radice um das Jahr 2000. Der Schnauzbart blieb !

Vollends graue Wolken zogen auf, als Carlo Scotti drohte, Caminetto zu verklagen, weil man dort einige Shapes von Castello zu genau kopiert hatte. Bis zum Ende des Jahres 1979 war die Situation absolut desolat. Die befürchteten Qualitätsprobleme traten auf, die Beschwerden aus den USA häuften sich und die Castello-Klage stand ins Haus. An diesem Punkt zog Luigi Radice die Notbremse. Das er nur angestellter Pfeifenmacher und kein vollwertiger Gesellschafter war, hatte vor allem Davoli ihn oft genug fühlen lassen. Im Dezember 1979 warf Radice hin und verließ, ohne Zukunftsplan und Absicherung, das Unternehmen- von jetzt auf gleich!

Die Situation spitzte sich zwischen Davoli und Ascorti in den nächsten Monaten mehr und mehr zu. Die Familie Ascorti versuchte, die Firma zu kaufen, doch, die finanziellen Mittel reichten nicht aus. Davoli war auch zu keinen Zugeständnissen bereit und zwang Guiseppe Ascorti, die Firma zu verlassen, die eigentlich ihm, Ascorti, gehörte.

Davoli feierte das als Erfolg. Womit er nicht gerechnet hatte, war die Solidarität der Mitarbeiter mit Guiseppe Ascorti.

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Typisches, aktuelles Caminetto-Modell mit klassischen Grundformen.

Die gesamte Mannschaft von Caminetto ging mit ihm, Guiseppe konnte schon nach ein paar Wochen in einer eiligst eingerichteten Werkstatt wieder beginnen, Pfeifen zu bauen. Unter dem neuen Namen „Sergio“ entstanden vorerst ein paar Hundert Exemplare, gefertigt von seiner gewohnt guten Mannschaft.

Luigi Radice hatte nach seinem Notausstieg bei Caminetto eine harte Zeit, konnte sich in den achtziger Jahren aber fangen und sich als selbstständiger Pfeifenbauer etablieren.

Gianni Davoli aber stand mit einer Pfeifenfabrik da, doch ohne einen einzigen Pfeifenmacher. Nur ein paar Tage später fing die Caminetto-Fabrik auf seltsame Weise Feuer und brannte bis auf die Grundmauern nieder.

 

Was aber wurde aus der Familie Ascorti, was aus den „Sergio“-Pfeifen? Nun, das Schicksal wendete sich letztlich doch zum Guten. Doch, davon möchte ich Ihnen im zweiten Teil erzählen !

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Sachlich, klassisch, hochwertig, Caminetto! Damals wie heute.

 

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